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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

II

wörtlichen Metapher, so daß der Name Christi dabei nicht mehrausgesprochen wird 1 ).

Weiterem Aufmerken werden sich, wie ich nicht zweifle,reichlichere Belege für diese Tradition auch aus Deutschlandund anderen Ländern ergeben. Und es wird dann namentlichauch die eigentümliche doppelseitige Rolle zu beachten sein,die das Kaisertum in seiner Stellung zum Judentum spielt.Oben (S. 221 f.) ist schon gesagt, wie die Staufer aus ihrem hoch-fliegenden Imperialismus heraus in ihrer Eigenschaft als Schir-mer des Weltfriedens auch die Kammerknechtschaft über dieGesamtheit der Juden aller Länder beanspruchten 2 ). Wennnun den deutschen Kaisern und Königen öfter eine Juden-freundschaft zum Vorwurf gemacht wird, so ist diese Beschul-digung ein Reflex jener zelotischen kirchlichen Anschauung, dieim Kaisertum überhaupt das Werkzeug des Antichrists sah unddeshalb, geneigt war überall eine der christlichen Religion undder Civitas Dei verderbliche heimliche Verbrüderung zwischenKaisertum und Judentum zu entdecken.

*Zur Deutung des Bildesmit dem Judenspieß rennen"habe ich auch gründlich folgende Fährte verfolgt: Gab es etwabei mittelalterlichen Turnieren scherzhafte Kämpfe als Zwischen-spiele oder Nachspiele, in denen burleske Gefechte von untaug-

x ) Nicht aber darf man mit Güdemann a.a.O. Bd.3 (1888), S.185.276280 jene italienischen stocchi (eigentlich Stoßspeere, Stoßstangen,Stoßdegen), die wie Longinus einem Menschen die Seite durchbohren,für die eigentliche Wurzel der Redensart vom Judenspieß halten unddaraus schließen, daß diese ursprüngliche gar keine Beziehung zu denJuden gehabt habe. Die Grundlage war jedesfalls der Vergleich mit demSeitenstoß des Longinus. Allerdings war ja nach Joh. 19, 34 der Kriegs-knecht, der in Christi Seite sticht, ein römischer Soldat des Pilatus, alsoein Heide. An sich könnte demnach auch das von seiner Tat entnommeneBild für den Wucher diesen zunächst ohne Beziehung auf die Juden be-zeichnet haben. Aber die Interpolation im Matthäus (s. meine Abhand-lung, Ilberg, Neue Jahrb. 1916, S. 2527, oben S. 175 ff.) und die mittel-alterliche Auffassung machte den Longinus früh zu einem Juden. Undjedesfalls erschien er der allgemeinen christlichen Anschauung dochals Werkzeug des jüdischen Hasses.

2 ) Vgl. S to b b e , Die Juden in Deutschland, S. 14 und Anm. 15,S. 202f. über die in Ottokars österreichischer Reimchronik Kap. 779.780 (ed. Seemüller S. 1186ff.) erzählte Forderung König Albrechtsan den französischen König Philipp den Schönen, ihm, weil alle Judendem Reiche gehörten, die Juden Frankreichs auszuliefern.