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Literatur und Kunst des Mittelalters
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In seiner Hand ist sie das Zeichen des Weltherrschers, desTriumphes, als das es von der bildenden Kunst unzähligeMale in Darstellungen der Auferstehung und des Sieges über dieHölle und den Tod gestaltet worden ist. Der Speer, der demgekreuzigten Gottmenschen noch im Tode die letzte Erniedri-gung und Schande zugefügt und so die Bosheit und Grausamkeitseiner jüdischen Feinde auf ihrem Gipfel gezeigt hat, wird dasSymbol der Erlösung, der neuen göttlichen Weltbefreiung undWeltregierung am Ende der irdischen Dinge bei Anbruch dergroßen Erneuerung und Wiedergeburt 1 ).
In England gibt es an hervorragendster Stelle genau die-jenige poetische Konzeption, die das fehlende Glied in der Kettemeines Nachweises bildet. Das berühmte große allegorischeVisionsgedicht Wilüam Langlands Piers Plowman, dessen Ent-stehung gewöhnlich zwischen 1362 und 1393 (oder 1398/99) indrei Absätzen angenommen wird, das aber neuerdings als Ganzes
Car, si com je truis en escrit,
C'estoit la lance, dont Longis
Li ouvri le cost6 jadis,
Et en corut et eve et sanc.
Molt sist bien sor le cheval blanc
Qui valoit Vor d'une citi.l ) Aus dieser Symbolik stammt auch der mittelalterliche Glaube,den man mit eifersüchtiger Rivalität in Byzanz wie in Deutschland undItalien pflegte, daß das christliche Kaisertum, sei es das rhomaeische, seies das deutsche, als Inhaber des Weltimperiums und Hüter des "Welt-friedens, in seiner Reichslanze die Lanze des Longinus besitze und sievon Kaiser Constantin, dem Begründer der christlichen Weltmonarchie,mittelbar aber von Christus ererbt und diesem am Weltende zurückzu-geben habe, wie das Walthers Kreuzzugspalinodie (Lachm. 125, 8),gleichfalls aus eschatologischer Stimmung, im Einklang mit Gregors IX.Kreuzzugsmahnung an Friedrich II. voraussetzt (s. meine Abhandlung,Ilbergs Neue Jahrb. 1916, I.Abt., S.31f.Anm., oben S. 183f.). AdolfHofmeisters Polemik dagegen (Mitteilungen aus der historischen Lite-ratur 1919, Bd. 47, S. 81 f.) verstehe ich nicht. Walthers Spruch 25,13durch Anknüpfung des Constantin-Speers an die Longinus-Lanze aus-zudeuten, was Hofmeister mir vorzuwerfen scheint, ist mir niemals ein-gefallen: dort erscheint der sper einfach als das durch die donatioConstantini abgetretene Symbol der imperialen Gewalt, genauer desRegnum über Italien. Wie vollends mit dem Longinus-Speer meineBeziehung dieses Spruchs auf die Wahl Ottos IV., die unzweifelhaftvöllig evident ist, auch nur das allermindeste zu tun hat, begreifeich noch weniger.