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Literatur und Kunst des Mittelalters
II
als die fortgesetzt erneute Anklage, daß die Juden die einstigeTat des Longinus symbolisch an der Hostie wiederholen!
Wir haben jetzt aber festgestellt, daß die Rache für denWucher der Juden, die das Ziel der Judenverfolgungen war, ineschatologischer Stimmung mit dem Kampf wider den Anti-christ und dessen jüdische Trabanten, Helfer und Wegbereitergleichgesetzt wurde, daß, wie jener Ausdruck der MagdeburgerSchöppenchronik über die Weißenfelser Judenversammlungzeigt, das organisierte Auftreten der Juden zu politisch-sozialenoder auch religiösen Zwecken im 14. Jahrhundert als ein Turnierder Jünger des Antichrists angesehen und bezeichnetwurde.
Wir besitzen über jene blutigsten Ausschreitungen desPrager Pöbels von 1389 einen satirischen Traktat in lateinischerSprache, Passio Judeorum Pragensium secundum Johannemrusticum quadratum, eine Parodie des Johanneischen Passions-berichts, in der die Qualen der Prager Judenschaft an die Stelledes Leidens Christi treten und mit Worten der Evangelien ge-schildert werden. Dabei werden auch die Worte des Johannes-Evangeliums über den Speerstich des Söldners gegen den Leich-nam Christi wiederholt. Der Grundgedanke ist dabei offenbar:den wucherischen Juden wird nur heimgezahlt und in gleicherWeise vergolten, was ihre Väter einst gegen den Heiland frevelten.Wiederholt deutet der Verfasser hin auf jenen eschatologischenRausch. Den Entschluß zu Brand, Raub und Mord läßt er z. B.mit den Worten motivieren: „Auf daß nicht Gottes Rache überuns komme, wollen wir den Juden ihr Gut wegnehmen und dasungläubige Volk von der Erde ausrotten" 1 ).
VI.
Es handelt sich hier um internationale religiöse Ideen undSymbole des Mittelalters. Predigt, Legende, geistliches Dramader mittelalterlichen Jahrhunderte bekunden ja auf Schritt undTritt die Einheit der europäischen religiösen Phantasie, ihrerGrundlage wie bestimmter Traditionen und vieler einzelner
x ) Vgl. darüber meine im Druck befindliche Darlegung in: DerDichter des Ackermann aus Böhmen und seine Zeit, 5. Kapitel II, 5, h(Vom Mittelalter zur Reformation III, 2).