Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
214
Einzelbild herunterladen
 

214

Literatur und Kunst des Mittelalters

bald nachher in kölnisch-belgischer Gegend entstanden ist,zeigt die Synagoge als einen Mann in kurzem Leibrock, Knie-hosen, Schultermantel, dessen Linke aber keineswegs das Ge-lenk der Rechten umklammert und dadurch die Gebärde derKlage ausführt (Weber S. 23, 40): hier ist als genaues Gegen-stück auch die Ecclesia männlich dargestellt; tiefer unten er-scheinen auf der Platte aber dann noch einmal wirklich Ecclesiaund Synagoge weiblich. In einem Essener Missal zuDüsseldorf (Ende oder Anfang des XII. Jahrh.) trägt dieSynagoge den Judenhut, also ein männliches Abzeichen,auf dem Kopfe (wie im Alsfelder Passionsspiel V. 4628) undsenkt die Speerfahne trauernd zur Erde (Weber S. 67). Seitdem XII. Jahrhundert geben die Kreuzigungs-Darstellungenin der Regel der Synagoge die Tracht der gleichzeitigen Judenund als Zeichen jüdischer Habgier den Geldbeutel in die Hand(Weber S. 68), aber nicht etwa den Speer. In liturgischenAbbildungen hingegen trägt die Synagoge oft das Opfertieroder den Kopf eines solchen oder das Opfermesser in derHand (Weber S. 65f., 128), während die Ecclesia durch Kelch,Hostie, Kreuzstab charakterisiert wird. Das bekräftigt meineoben (S. 203 ff., 210f.) vorgetragenen Erwägungen. Zuweilen,z. R. auf einem altkölnischen Tafelbild in Sigmaringen(Anf. XV. Jahrh.) wird die Synagoge ersetzt durch einen alten,geblendeten Mann, den grauer Rart, Kahlköpfigkeit, kurzesWams und enge Hosen als Kriegsknecht erkennen lassen: inder Hand hält er das Opfermesser, hinter ihm die zerbrocheneFahne, er bricht neben dem Altar mit Opfertier zusammen(Weber S. 120f., 128f.). Soll es der Longinus sein? Mit Rechterblickt Weber hier Einwirkung der Schaubühne. Als Manndargestellt wird die Synagoge in dem Streitgespräch mit derEcclesia z. R. vom Alsfelder Passionsspiel und vom Fronleich-namsspiel.

Alles dies reicht doch nicht hin, um einfach den Schlußzu ziehen, Longinus und sein Speer sei ein verbreitetes Symbolder Synagoge, d. h. des Judentums, der gleichzeitigen Juden-schaft und ihrer Wuchersucht. Vor allem auch: der zerbrochene,von der Ecclesia zerbrochene Speer, der die Synagogefast überall bezeichnet, kann unmöglich das Rild des Juden-spießes in der fraglichen Redensart hervorgerufen haben,denn er ist ja eine nicht mehr gebrauchsfähige Waffe;