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1,1 (1925) Mittelalter
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212
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Literatur und Kunst des Mittelalters

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wäre zunächst zu forschen. Die eigentlichen Kreuzigungs-bilder kommen weniger in Betracht. Immerhin würde auchfür sie eine Feststellung der verschiedenartigen Auffassungund Darstellung des Longinus, seiner Kleidung, die ihn alsJuden oder Römer kennzeichnet, seiner Haltung und seinesGesichtsausdrucks, aus denen das Motiv und die Wirkungseiner Tat mehr oder weniger deutlich wird, seiner Blindheitund ihrer Heilung wertvoll sein. Das Sehendwerden des blindenHeiden Longinus durch den Stich des Speers führt zum TriumphChristi, zur Gründung der kirchlichen Sakramente. Die bildendeKunst stellt deshalb im früheren Mittelalter gern neben denLonginus, manchmal sogar als den Speer führende Gehilfin,meist aber als Trägerin eines Kelches, der den Ausfluß derSeitenwunde auffängt, die Kirche. Ihr gegenüber als ihr Wider-spiel begegnet auf Kreuzigungsbildern die Synagoge: sie er-blindet infolge des Kreuzeswunders, und ihr Speer zerbricht.Diese Gegenüberstellung der Ecclesia und der Synagogeund ihre Disputation über die Wahrheit des Christentums istwährend des Mittelalters ein weit verbreitetes Motiv in derbildenden Kunst wie im geistlichen Drama, besonders in denPassionsspielen, dessen Geschichte Paul Webers reichhaltigeSchrift 'Geistliches Schauspiel und kirchliche Kunst' 1894fruchtbar behandelt hat 1 ). Es entsprang der PaulinischenAntithese (2. Cor. 3, 1318), wo den obtusi sensus der filiiIsrael, dem velamen super cor eorum entgegengesetzt wird dierevelata facies der durch Christus erlösten, zur Seligkeit einge-gangenen Christen, und erscheint, gespeist aus patristischenErörterungen des Gegensatzes Ecclesia und Synagoge, viel-leicht auch angeregt durch einen alten (pseudo-) AugustinischenDialog Altercatio Ecclesiae et Synagogae, sowohl in liturgischenBilddarstellungen des Meßopfers als in Kreuzigungsbildern.Das gegensätzliche Paar tritt aber auch unter den plastischenFiguren an den Fronten und Portalen der großen mittelalter-lichen Dome bedeutsam hervor (Bamberg, Freiburg, Notre-

x ) Der -wichtigste Teil des frühmittelalterlichen Kunstma-terials ist musterhaft wiedergegeben und wissenschaftlich gewürdigt inAdolph Goldschmidts Werk 'Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeitder karolingischen und sächsischen Kaiser (VIII. XL Jahrhundert)',Berlin 1914; vgl. S. 104 das ikonographische Verzeichnis der figür-lichen Darstellungen s. v. Kreuzigung, Ecclesia, Synagoge.