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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

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I

Krieger, Bauern, aber eine vierte habe der Teufel gemacht:die Wucher treibenden Bürger (burgenses usurarios)*). Allediese Stimmen klagen, daß das Wucherprivileg der Juden nunauch Christen gewährt und von Christen ausgenutzt werde.Genau diesen Sinn aber drückt die Klage über die zunehmendeVerbreitung des Judenspießes aus. So wenn in Agricolas Sprich-wörtern es heißt, die Juden am Ölberg hätten keinen Judenspieß,um den Christen zur Schande anzudeuten, daß die Christenden Juden den Spieß, d. h. die Wucherkunst, abgenommenhaben, oder wenn in Ruofs 'Etter Heini' gesagt wird, früherwären die Juden mit diesem Worte verspottet, aber jetzt seileider der Spieß hinten und vorn unter den Christen, oder wennin Kirchhofs 'Wendunmuth' gescherzt wird, die Juden seienwillens, auf dem nächsten Reichstag die Christen zu verklagen,weil sie den ihnen geliehenen Wucherspieß den Juden nichtwieder zurückgeben wollen und diese so hindern, das Wuchernin der alten Weise zu treiben.

Erwägt man alles dies, so wird man kaum bestreiten, daßes ein treffender und wohlbegründeter Witz war, einen Christen,der Wucher treibt, zu verspotten als einen neuen Longinus,d. h. als einen Menschen, der sich bereit finden läßt, als Blinderdas ihm unangemessene Opfermesser einem Bedrängten indie Seite zu stoßen oder 'mit dem (ihm seiner eigentlichen Ge-sinnung nach nicht zustehenden) Judenspieß zu rennen'.

Läßt sich jedoch, wenn einmal reichlichere Belege auchaus früherer Zeit für die noch unverblaßte Bedeutung derJudenspießredensart uns zufließen sollten, daraus mit Sicherheitfeststellen, daß ursprünglich und eigentlich dadurch nur dieJuden selbst bezeichnet wurden, dann müßte dabei diePerson des Longinus, müßten seine Gesinnung und seine Motivemehr im Hintergrund gestanden haben und das Entscheidendefür die Entstehung des Bildes lediglich der ganze Vorgang ansich gewesen sein: der Speerstich gegen den sterbenden odertoten göttlichen Ärmsten der Armen, das blutsaugerische Ab-stechen des Opfers durch die schinderhafte Grausamkeit derjüdischen Pharisäer, Schriftgelehrten und Priester.

Bei dieser Deutung der letzten wie der ersten ' bleibtes gleichgültig, und läßt sich auch nicht entscheiden, ob in

*) Dieselbe Anschauung äußert, woran mich Kluckhohn erinnert,Freidanks Bescheidenheit Kap. 7 (ed. W. Grimm 1834 S. 27), V. 16.