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Literatur und Kuns* des Mittelalters
historikern jene alten Quellen ein fernes, fremdes Land sind 1 ).Und für das oftmals von Gelehrten verschiedener Disziplinenbehandelte Problem der Kreuzigungsdarstellung hat man z. B.die uns bei der vorliegenden Frage g( ade so wichtigen Gesichts-punkte, ob Longinus als Jude, ob er mit feindseligem Ausdruckoder gar als Wucherer dargestellt sei, kaum berücksichtigt,.Jedesfalls fehlen in dieser Richtung durchaus umfassende'Beobachtungen. So ist Zurückhaltung im Urteil ratsam.
Sicher und bekannt genug ist aber dies:'es drängen sichnamentlich seit dem XV. Jahrhundert in die Kreuzigungs-darstellung der Passionspredigten, der Passionsbilder und be-sonders der Passionsspiele kraß realistische, satirische, selbstburleske Elemente ein, die modernen Geschmack geradezublasphemisch anmuten, aber auch zu ihrer Zeit bei den geist-lichen Behörden Anstoß erregten und durch besondere Verboteeingeschränkt wurden (s. Creizenach, Geschichte des neuerenDramas l 2 S. 200: Erlaß des Bischofs Wedego von Havelberg1471). Die Kriegsknechte, die Jesus geißeln, verunglimpfen,,an das Kreuz nageln, werden mit vollem Behagen breit und:drastisch in allen möglichen Einzelzügen von Roheit, Grau-samkeit und gemeinen Spaßen vorgeführt. Im Frankfurter-Passionsspiel von 1493 begründet einer der Geißelndenseine besondere Wut damit, daß Jesus früher ihnen ihr Gutgenommen und sie aus dem Tempel vertrieben habe (R. Fro--ning, Das Drama des Mittelalters S. 499, V. 3468—77):
Woluff, gesellen, an quäl!
lat uns zu dem vierdenn male
von slagen thun so heis,
das he swilzet bludigen sweis!
wir gaben umb ene unser gut:
dar umb wollen wir han sin blut!
J ) Während ich diese Zeilen schreibe, wird mir zugänglich GeorgesDuriez, La theologie dans le drame religieux en Allemagne au moyenäge, Lille (Rene Giard Libraire-Editeur, 2. Rue Royale) 1914 und Lesapocryphes dans le drame religieux en Allemagne au moyen äge, Lille1914. Beide Bücher, deren Verdienst und Schwäche bereits HeinrichAnz, Deutsche Literaturz. 1915 S. 1797 ff. gewürdigt hat, zeigen eine um-fassende Gelehrsamkeit und werden durch das reiche theologischeMaterial, das sie, allerdings mehr vom systematischen als geschicht-lichen Standpunkt, übersichtlich vorführen, die Forschung zweifellosanregen und fördern.