Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
189
Einzelbild herunterladen
 

Der Judenspieß und die Longin ussage

18ü

gleichen lasse als Abzapfen der letzten materiellen Lebenssäfteeines bedrängten Menschen: vgl. Jacob Ayrers zuvor man jhnein wuchrer hiess, \ das er rennt mit dem judenspiess, \ saugetden leuten aus das mark (bei Heyne, DWb. IV 2, S. 2357).Und man bemerkt leicht: auch von der Johanneischen Dar-stellung aus, nach der gegen den toten Jesus der Speerstichgeführt wird, gibt es eine Brücke; man erinnert sich der heutegeläufigen Kennzeichnung eines unbarmherzigen, blutsaugeri-schen Wucherers* oder Ausbeuters: 'Der nimmt es auch nochvon dem Toten!' Aber keinerlei innere Gemeinschaft hatdas Mitleid des Longinus, das ihm den Speer in die Handdrückt, mit den Beweggründen eines wucherischen Hals-abschneiders.

Nun scheint es mir allerdings an sich ganz möglich, daßder naive Volkswitz auch die Gestalt des Longinus seinerFeierlichkeit entkleidet hätte. Den Judenspieß hingegen zurück-zuführen auf den Einfall eines bibelkundigen Gelehrtenwiderstrebt mir. Ich würde es für wahrscheinlich halten, daßeine lange und feste volksmäßige Überlieferung und Anschauung,allerdings im Kreise von Klerikern, die Quelle war. Denngrundsätzlich wird man zugeben müssen: auch heilige Dingewerden gelegentlich von dem volksmäßigen Humor, den nichtbloß die ungebildete Masse, sondern im Mittelalter gar sehrauch der Klerus, zumal auf Domschulen und Universitätenbesaß, ohne Ehrfurcht angefaßt und dem drastischen Witzund der handfesten Bildlichkeit des Sprichworts ausgeliefert.Am nächsten liegen da Passionspredigt und Passions-nebst Osterliturgie, die Kreuzigungsdarstellungen derbildenden Kunst und die Passionsspiele, in denen,wie Leitzmann selbst betont, Longinus so häufig auftrat.

Oft genug ist in neuerer Zeit nach den wechselseitigenBeziehungen geforscht worden, die unverkennbar zwischendiesen vier Bereichen phantasiemäßiger Gestaltung im Mittel-alter hin und her gehen. Aber die Methode und die Vollständig-keit dieser Untersuchungen lassen viel zu wünschen übrig.So sind denn auch die Ergebnisse mehrfach unsicher oder geradezuirrtümlich. Der unermeßliche, durch tausend abgeleitete KanäleJahrhunderte lang strömende Einfluß patristischer und mittel-alterlicher Bibelauslegung und Paränese wird viel zu wenigin Rechnung gestellt, weil den modernen Philologen und Kunst-

: