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Literatur und Kunst des Mittelalters
nun kam die Schwierigkeit. Man gab dem blinden Longinuseinen Helfer oder Diener, der den Speer ansetzte. Der sah ja.Der konnte also von Rechts wegen an den Gnadenstoß nichtglauben. Dennoch lassen die Passionsspiele diesen Dieneröfter völlig einstimmen in die mitleidigen Regungen und denEntschluß des Blinden, die Qual des Gemarterten zu enden.Einige Passionsspiele versuchen dabei auch, das Motiv des-Gnadenstoßes und das der Todesfeststellung derartig zu ver-binden, und lassen Longinus selbst mit einer Vorsicht, die alleMöglichkeiten erwägt, beide Absichten nebeneinander aus-sprechen.
Mustert man die große Masse literarischer und künst-lerischer Longinusdarstellungen des Mittelalters und der Re-formationszeit, so muß man feststellen: überwiegend ist dieserLonginus gedacht als römischer Heide. Hält mandazu das seit dem hohen Mittelalter überall in den volkstüm-lichen Longinusdarstellungen durchgeführte Motiv, daß dieserLonginus blind ist, nur als Blinder die Lanze gegen den Gottes-sohn aus Mitleid führt, um die Marter zu enden, und daß durchdas aus der Wunde herabträufelnde Blut seine Blindheit geheilt,seine Augen sehend werden, vergegenwärtigt man sich dieerhabene Rolle, die der 'heilige Speer' in der Liturgiedes Karfreitags und der Ritterweihe, in den Longinusblut-segen, in den Graldichtungen, in der durch Predigt und Er-bauungsschriften weit verbreiteten Abendmahlsspekulation dasdeutsche Mittelalter hindurch spielt, so liegt auf der Hand:die populäre Tradition vom Longinusspeer ist einer Ableitungdes im XV. Jahrhundert auftauchenden fraglichen Judenspießesund des daran geknüpften Bildes aus jener Legende nicht geradegünstig. Denn sucht man zur besseren Begründung nach dembeiden Vorstellungskomplexen gemeinsamen Element, demtertium comparationis — und methodischerweise muß mandas doch!—, so findet man zunächst zwar: der Wucherer gibteinem von Not bedrängten Menschen gewissermaßen denTodesstoß, wie Longinus dem gemarterten sterbenden Christus.Und da in der Redensart wahrscheinlich ein grotesk-zynischerWitz steckt, mag ihr auch die Vorstellung zugrunde liegen,daß dem durch die Öffnung der Seite bewirkten Herausfließenvon Blut und Wasser eine wucherische Ausbeutnng sich ver-