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1,1 (1925) Mittelalter
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Der Judensp ieß und die Lo nginussage

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Tode Christi erfolgt (Clementinae I tit. 1, Corp. iur. canon.ed. Friedberg 2, S. 1133).

Keineswegs war aber damit die von der Kirche verworfeneAuffassung auch endgültig begraben. Die Doppelnatur desLonginus dauert fort. Zwar soweit der kirchliche Einflußunmittelbar reichte, gelangte mehr und mehr der Bericht desJohannes zur Herrschaft. Aber das aus der Legende stammende,von der Matthäusinterpolation gestützte Motiv des Gnaden-stoßes erscheint häufig genug im ausgehenden Mittelalter,gerade nach dem die Darstellung der Matthäusinterpolationverwerfenden Dekret des Konzils von Vienne. Sicherlich habendabei auch Handschriften des sogenannten Evangelium Nico-demi (ßesta Pilati), in denen die Matthäusinterpolation stand,mitgewirkt (s. oben S. 186 und Anm. 1).

Besonders aber muß man dabei eine bisher fast immerübersehene oder nicht genügend beachtete und nicht voll er-klärte Motivverschlingung erwägen. Das Motiv des Gnaden-stoßes setzt ursprünglich natürlich voraus, daß Christus ihnlebend empfing, daß der Lanzenstich vor seinem Tode erfolgte.Daß dem wirklich so war, beweist der oben besprochene dog-matische Streit über die richtige Chronologie der Passionsakte.Aber das harmonistische Bestreben,den Widerspruch, der zwischender Johanneischen und der im interpolierten Matthäustextgebotenen Darstellung klafft, zu überbrücken, das ich schonin der Homilie des Chrysostomos feststellte (s. oben S. 179),führte einen sonderbaren Ausgleich herbei. Man kontaminiertedas Motiv des Gnadenstoßes gegen den lebenden Gekreuzigtenmit dem Motiv der Öffnung der Seite des Toten. Man addiertesozusagen Johannes und Matthäusinterpolation. Chryso-stomos und die ihm folgenden Exegeten verwendeten dazukleine rationalistische Kunstgriffe: Matthäus habe seine Dar-stellung anticipando gestaltet; im Grunde seien beide Evange-listen einig. Andere aber, wie wir sahen, waren aufrichtigerund blickten dem bestehenden Widerspruch offen ins Auge.Die Longinuslegende hüpfte indessen über den trennendenAbgrund leicht hinweg: Longinus sticht, wie bei Johannes,den toten Christus, aber er tut es, um einen Gnadenstoß gegenden noch lebenden zu führen; denn er ist ja blind, er weiß janicht, daß Christus nicht mehr lebt. So hat bereits das Benedikt-beurer Passionsspiel den dramatischen Vorgang dargestellt. Aber