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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

entgegengesetzte Auffassung als allgemeines und sicheresDogma vertreten, anderseits habe er die Frage aufgeworfenund untersucht, ob die Darstellung des Johannes (19, 33) sichmit der Annahme vereinbaren lasse, daß Christus bei demSpeerstiche noch gelebt habe. Und in dieser Verteidigungführt nun Ubertino von Casale seinerseits an, daß langevor Petrus Johannis Olivi die als ketzerisch verworfene An-sicht mehrfach, auch von berühmten christlichen Theologenausgesprochen sei. Aus der Abhandlung 'Über die sieben Wortedes Herrn am Kreuze', die, wie er glaubt, vom heiligen Bern-hard, tatsächlich jedoch von dessen Freunde Ernald vonBonneval verfaßt ist, hebt er eine Stelle aus, die Christusnach dem Lanzenstich, den Ruf 'Ich dürste', ausstoßen läßt.Er stützt sich ferner auf eine alte Handschrift der Evangelien-übersetzung des Hieronymus und zitiert daraus den uns be-kannten Wortlaut jener Einschaltung. Auch das apokrypheEvangelium Nicodemi zieht er heran und zeigt, daß dortder Satz Longinus autem miles accipiens lanceam fixit in latuseius vor der Bekehrung des Schachers, vor dem letzten Schreiund dem Verscheiden Christi stehe 1 ). Endlich beruft er sichauf ein Argument in der sakramentalen Spekulation des DunsScotus, daß, wenn die Seitenwunde Christus erst nach seinemTode beigebracht worden ist, wie es der Evangelist Johanneserzähle, dann die beiden Sakramente (der Taufe und der Eucha-ristie), deren Elemente die Kirche in dem aus der Brust Christihervorquellenden Blut und Wasser erkenne, nicht aus Christusals ihrer wirklichen Ursache entsprungen seien (non fluxeruntab Mo tamquam a causa principaliter meritoria).

Das Ergebnis dieser Verhandlungen 2 ) war, daß PapstClemens V. unter Billigung des Konzils von Vienne, wahrschein-lich im Mai des Jahres 1312 erklärte, der Apostel habe in derPassionsgeschichte die Reihenfolge der Vorgänge richtig dar-gestellt, und es sei demgemäß der Lanzenstich erst nach dem

x ) Vgl. Gesta Pilati ed. Tischendorf, Evangelia apocrypha 2 , Lip-siae 1876, S. 362 Lesarten. Tischendorf hat den nur in einigen Hand-schriften erscheinenden Zusatz in seinen Text nicht aufgenommen.

2 ) Vgl. Franz Ehrle, Zur Vorgeschichte des Konzils vonVienne, Archiv f. Literatur- u. Kirchengesch. d. Mittelalters II (1886)S. 359 ff. 367 Z. 17-24. 374ff. 402 Z. 19-405 Z. 38; Hefele-Knöpfler,Konziliengesch. 2 II (1890) S. 536ff.