Der Judenspieß und die Longinussage
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stich aus Mitleid mit dem Gemarterten, um seine Qual abzu-kürzen und zu enden, als Gnadenstoß, bald als letzter Aus-bruch des Hasses. Welche der beiden Auffassungen vorherrscht,läßt sich, ehe das weitschichtige Material auf diesen Gesichts-punkt methodisch durchgearbeitet und genau geprüft ist,nicht sagen.
Mit der unsicheren Zeichnung der Abstammung des Lon-ginus und des Motivs seiner Tat hängt zusammen auch dieverschiedene Gestaltung seiner äußeren Verhältnisse: dieLegende macht ihn teils zum schlichten Kriegsknecht, teilswirft sie ihn mit dem bekehrten Centurio zusammen, nebendem ja auch schon Matth. 27, 54 qui cum eo erant custodientes,also die Soldaten der Kreuzwache, als ihm gleichgesinnt genanntwerden, erhebt diesen Longinus gar zu einer vornehmenPerson, zum Ritter, behandelt ihn überwiegend zwar alsRömer, als ersten Bekenner des Christentums ausder Heidenschaft und daher als Vertreter der von Christuseroberten Weltgemeinde, daneben aber auch als Juden in engerVerbindung mit Nikodemus und Joseph von Arimathia.
Auch innerhalb des kirchlichen Dogmas behielt die Ge-stalt des Speersoldaten am Kreuze etwas Ungewisses. DerStreit der Theologen um die Matthäusinterpolation und dieBerechtigung ihrer Darstellung des Vorganges hat im Mittel-alter nicht geruht. Im Franziskanerorden hat, bald nachdemder große Oppositionsmann und Vorahner künftiger wissen-schaftlicher und technischer Entdeckungen Roger Bacondas umsichtige Programm einer quellenmäßigen Bibelkritikaufgestellt hatte, einer der radikalsten Zelanten, der Süd-franzose Petrus Johannis Olivi (t 1298) mit der Fragesich befaßt. Nach seinem Tode griff in den heftig entbrannteninneren Ordensstreitigkeiten die Partei der Konventualen diesauf, um es gegen den im Kreise der Spiritualen als Heiligenverehrten Toten und damit. überhaupt gegen die Gesamtheitder Spiritualen auszuspielen und warf ihm in der bei der päpst-lichen Untersuchungskommission eingereichten Anklage (März1311) unter andern häretischen Irrtümern als ersten die Be-hauptung vor, daß Christus noch beim Lanzenstiche gelebthabe. Der Wortführer der Spiritualen, Ubertino von Ca-sale, rechtfertigte den Beschuldigten dagegen: niemals habeer jene Ansicht als seine eigene ausgesprochen, vielmehr die