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Literatur und Kunst des Mittelalters
Christus gerichteten und ihn tötenden Lanzenstiches findenwollen. Das würde diese Vorstellung bis in die Mitte des IL Jahr-hunderts zurückschieben. Das Scholion einer im XL Jahr-hundert geschriebenen Minuskelhandschrift der Vulgata weißnoch Genaueres zu melden. Aber seine Angaben sind im ein-zelnen dunkel. Danach soll den fraglichen Einschub im Matthäusauch „das der Geschichte folgende Evangelium" (die Evangelien-harmonie?) des Diodoros und Tatianos und hervorragenderheiliger Väter enthalten und 'dieses auch Johannes Chryso-stomos gelesen haben'. Diodor kann kaum ein anderer sein alsdes Johannes Chrysostomos Lehrer Diodor von Tarsus
in den Tod. Insofern der gekreuzigte Jesus diesem Sündenbock ent-spricht, auf dessen Haupt alle Missetat der Kinder Israel gelegt wird,daß er sie mit sich hinwegtrage in die Wildnis (Levit. 16, 8. 10. 20 — 22),erfüllt sein Opfertod scheinbar den Willen der jüdischen Priester,,daß für das jüdische Volk ein Mensch als Opfer sterben solle (Joh. 11,49. 50; 18, 14). Aber zugleich ward am Kreuze der Christus geopfert,der Gott und die Menschheit versöhnt und vereint, der das himmlischeReich herbeiführt, der Heilbringer und der künftige Richter: diesergekreuzigte Messias und Gottessohn gleicht, obzwar in höherem Sinne,dem andern Bock des altjüdischen Versöhnungsopfers, der auf demAltar dargebracht und dessen Blut zur Heilung vergossen wird (Levit.16, 9 — 19). Nur bei diesem neuartigen Opfer, das aus den Banden desJudentums befreit und den Bund der christlichen Gemeinschaft be-gründet, wirkt der Speer des Kriegsknechts und der Stich in die SeiteChristi mit. Aber jenes xaTaxsvT^aavteg soll und kann darauf nichthinweisen. Allerdings scheint die alte lateinische Übersetzung desBarnabasbriefs die beiden Böcke und ihre verschiedene Opferungsartzu vermischen, wenn sie nicht nur y.a%a-/.ev%r}aavzeg mit conpungentes,xaTaKevTr/aats mit pungite wiedergibt, sondern (VII 8 S. 35 Z. 7f.) von.dem verfluchten Sündenbock statt slg egrj/nov ßX^-d^ta) schreibt in aramponatur, während doch nur der andere Bock auf geweihtem Altar ge-schlachtet wird. Daß übrigens Tertullian Adv. Marc. III 7 und Adv.lud. c. 14 die lateinische Übersetzung des Barnabasbriefes benutzt,kann ich trotz Harnack (a. a. O. S. 32 Anm. zu VII 4 und Prolegom.S. LIV Anm. 30) nicht bezweifeln, wenn Tertullian auch den erwähntenFehler vermeidet und in der Auslegung des allegorische,n Parallelismusabweicht: schon die übereinstimmende Anwendung des Ausdrucksconpungere beweist Kenntnis der alten lateinischen Version. Übrigensbleibt die Frage offen, ob das •Aaxaxevvrjaavreg nicht auch das Anstechenmit einem Instrument bedeuten soll: Güdemann (Religionsgeschichtl.Studien, Leipzig 1876, S. 105), der als Kenner rabbinischer Opferritendiese Vergleiche des Barnabasbriefes aufklärend beleuchtet, übersetztdenn auch 'speiet ihn alle an und stechet ihn'. Jedesfalls aber hat dieganze Stelle keine unmittelbare Beziehung auf die Longinuslanze.