Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
170
Einzelbild herunterladen
 

170

Literatur und Kunst des Mittelalters

I

Gralvorstellung zugrunde. Der Verfasser spricht sich dabeinicht deutlich genug darüber aus, ob diese zweite, von Wolframbenutzte Legendengestalt der erstgenannten, rein christlichen,parallel und gleichaltrig sei, ob beide überhaupt ursprünglichzusammenhängen oder nur später zusammengeflossen bzw.nebeneinander hergegangen sind. Ich vermisse hier und auchsonst in der Untersuchung die scharfe Unterscheidung derideellen Verwandtschaft von Sagenmotiven einerseits und ihresgeschichtlich-genetischen Zusammenhangs anderseits. Es gibtdrei Formen der Beziehung zwischen Mythologemen: 1. innereÄhnlichkeit bei geschichtlicher Unabhängigkeit voneinanderund getrennter Entwicklung; 2. direkte Berührung durchEinwirkung und Entlehnung oder durch Zusammenfließen;3. ererbte Übereinstimmung, bedingt durch gemeinsame Ab-stammung aus vorgeschichtlicher Zeit, durch sogenannte Ur-verwandtschaft. Mir scheint, als sonderte der Verfasser, wenig-stens in seiner Darstellung, diese drei Beziehungsformen nichtmit hinlänglicher Klarheit. Auch das chronologische, das ethno-logische und das geographische Moment tritt in seiner Dar-legung in den Hintergrund.

Ganz besonders gelten diese Bedenken seinem gelehrtenund phantasievollen Versuch, auf den schlüpfrigen und nebu-losen Pfaden der sogenannten Beligionswissenschaft nochhinter der dem Gralmythus zugrunde liegenden eucharistischenKultvorstellunguraltes traditionsgeschichtliches Gut aus demgnostisch-orientalischen Kulturkreise" als Urquelle aufzu-spüren. Ich freue mich, daß der Verfasser meines früherenHallischen Kollegen Eichhorn höchst bedeutenden, glänzen-den Aufsatz über das Abendmahl im neuen Testament (Heftez. Christi. Welt. 1898. Nr. 36) so hoch schätzt, und stimmemit ihm Eichhorn zu, daß es für das sakramentale Essen imAbendmahl Jesu ein außerjüdisches Vorbild gegeben habenmuß. Aber ob dieses nun mit Zimmer in den babylonischenVorstellungen vom Lebensbrot und Lebenswasser aufzufindenist, wie der Verfasser anzunehmen geneigt ist, möchte ich sehrbezweifeln. Welche Abgründe zeitlicher und räumlicher undkultureller Entfernung werden hier übersprungen! Und zudem,,was ja Staerk selbst hervorhebt, ist ein kultisch-sakramentalerGenuß dieser Elemente in der babylonischen Religion garnicht nachzuweisen. Wenn man nach Vorbildern suchen will,