168
Literatur und Kunst des Mittelalters
I
Prozessionen nachgebildete Pompa des Introitus (etoodog fieydlrj)stellen mimetisch ein förmliches Drama dar: die heilige Lanzeverwundet, sie wird umhergetragen in feierlichem Umzugzusammen mit dem Kelch und Diskus, sie begleitet die sym-bolische Aktion der Grablegung, sie führt durch ihren zweitenSchnitt bei der Konsekration und Wandlung die Heilung desleidenden Zerstochenen, die Auferstehung herbei. Das sinddie Urformen der später märchenhaft, häretisch, vielleichtmit Motiven arabischer Sage, aber auch in Anlehnung an ge-schichtliche Personen und Ereignisse (z. B. Karls des GroßenPaladine, Gottfrieds von Bouillon Verwundung, KönigreichJerusalem, Tempelritter) umgestalteten geheimnisvollen Vor-gänge auf der Gralburg, nach denen Kyot-Wolframs Parzivalsich nicht zu fragen getraut: der blutende Speer, der verwundetund heilt, der verwundete, leidende, liegende König (Anfortas= Infirmus oder Infirmitatus), der wieder aufersteht, dergreise König (Titurel = Joseph von Arimathia).
Das älteste Zeugnis für das Auftreten des Joseph vonArimathia in diesem liturgischen Mysteriendrama und zwarbereits für seine förmliche Darstellung durch Celebranten derMesse, gewährt meines Wissens auf ägyptischem Boden inder ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts Isidor von Pelusium,ein Schüler des Chrysostomos.
In Jerusalem wurzelt der eigentliche Kultus des Onyx-kelches von Christi Abendmahl, der Lanze des Speersöldners,des Graltempels (der Grabeskirche). Hier, in Berührung mitpersischem und arabischem Aberglauben und Beliquiendienst,entstanden im Kreise der Wallfahrer die frühesten märchen-haften Anschauungen und Erzählungen von den Schicksalenund Wirkungen des Gralgefäßes, der Grallanze, des Gral-tempels, von der Suche nach diesen Heiligtümern.Dieser ganze Kultus mit allem, was daran hing, wandertedann nach Konstantinopel und fixierte sich dort in merk-würdiger Wiederholung. Des Constantinus VII. Porphyro-genitus (905—959) Schrift De cerimoniis aulae Byzantinaeschildert (Migne Patrol. Graec. 112, 418 f.) die Adoration derheiligen goldenen Lanze durch den Kaiser, die Patricii undsonstige Hofbeamte am Karfreitag, nachdem die Feier inder Kirche des heiligen Grabes im Blachernae-Palast vorherge-gangen ist. Die Adoration der heiligen Lanze schließt sich