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1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 157

(mit einer Darstellung des Sonnengottes). Auf der letzten,mit der Legende Henricus imperator und der Legende Victoria,erscheint das Brustbild des Kaisers mit der Strahlenkroneund eine antik gewandete männliche Figur mit Kugel (Scheibe?Schale ? Kranz ?) und Stab (Dannenberg, Die deutschen Münzender sächsischen und fränkischen Kaiserzeit, Bd. I. Berlin 1876.Nr. 1186, 1185, 1179, 1179a, S. 461f., 460f., 457f.).

Nun war aber Byzanz die Stadt der abgerichteten sprechen-den Vögel, der gezähmten Tiere, die in dem kaiserlichen Tier-garten gehalten wurden. Wenn der kleine König für den großenKönig allerlei solche Tiere zum Geschenk bestimmt, so paßtdas wiederum zu der byzantinischen oder orientalischen Sitte.Auch die bei der Zusammenkunft der Könige so ausführlichgeschilderten Zelte und der Pavillon für die Messe können nachdem Osten weisen: in Konstantinopel lernte man zuersL luxuriöseZelte und Pavillons im kaiserlichen Hofhalt kennen.

So mag wohl die Vermutung gestattet sein, daß im RuodliebNovellenstoffe verarbeitet sind, die der Dichter aus Byzanzempfangen hat, daß namentlich auch die eigentümliche Kom-position, Rahmenerzählung mit eingelegten Binnenerzählungen,auf orientalische Vorbilder zurückgehe, die der mannigfacheVerkehr mit der Kaiserstadt am Bosporus vermittelt hat.

Freilich ein seltenes, ein beinahe wunderbares Talent warnötig, um damals in Deutschland ein so neues, eigenartiges"Werk zu schaffen wie dieser erste selbständige Roman desMittelalters. Ein Talent, das in manchen Dingen mit demgrößten mittelalterlichen Dichter, mit Wolfram von Eschen-bach verglichen werden kann. Ich bemerkte schon, daß dieFabel des Ruodlieb von fern an die Geschichte des von seinerMutter scheidenden, durch die Welt ziehenden Parzival erinnert.Aber es teilt der Tegernseer Anonymus mit Wolfram die Kunstder plastischen Vergegenwärtigung einer weiten Lebensfülle,die Vorliebe für die Darstellung neckischer Mädchengestalten,und wenn er seine Erzählung von der wunderlichen Schmoll-szene bei der Verlobung mit den Worten schließt: qualiter interse concordent quid mihi eure? (wie sie sich wieder aussöhnen,was mache ich mir darüber Sorgen?") so könnte diesen Scherzgerade auch Wolfram gemacht haben.

Der Ruodlieb zeigt uns, den Vorhang lüftend, eine Ent-wicklung, die früher, bevor man ihn kannte oder genau analy-

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