Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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155
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Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 155

Vögel aus. Das sind Reflexe der Tegernseer Glossographiedieser Zeit.

An Gemälde- und Statuenbeschreibung knüpfte Pruden-tius, der gelesenste Hymnendichter des Mittelalters, viele seinerLegenden in Hymnenform an. Sein Dütochaeon ist ein Zyklusgeistlicher Bildergedichte. Der Angelsachse Aldhelm erläuterteinen Marienaltar, auf dem die Verkündigung dargestellt war,in Versen. Die karolingische lateinische Poesie ist voll vonBildergedichten und poetischen Beschreibungen hervorragenderGemälde. In Legenden und Apostelakten begegnen, unterdem Einfluß des griechischen Romans sehr häufig Statuenoder Bilder, die ausführlich geschildert werden. Die 'PassioThomae' enthält eine ausgeführte Palastbeschreibung. Inden 'Flores rhetorici' des Alberich von Monte Cassino aus demEnde des XI. Jahrhunderts ist ein metrischer Panegyricus aufden Palast des Ozeans eingeschoben, der im wesentlicheneine ausführliche Beschreibung der Säulen und Bilder enthält,die sich darin befinden.

Doch nicht aus antiker Tradition des mittelalterlichenSchulunterrichts allein lassen sich die Beschreibungen vonKunstgegenständetüm Ruodlieb ableiten. Die Manier ist wohldieselbe, aber die beschriebenen Dinge sind doch verschieden.Das Verhältnis des Rufldlieb zur antiken Dichtung ist viel-mehr freier als bei vielen gleichzeitigen lateinischen Dichtern.Es weht in diesem Roman ein ganz eigener moderner Luftzug,jugendfrisch und morgendlich, der neue Zukunft ankündigt.

Wenn der Held als Gesandter mit wichtiger Mission zumkleinen König gesendet wird, wenn er dort den König undseine Hofleute im Schach besiegt und seine Aufträge glänzenddurchführt, wenn er dann zu Hause die Spielleute durch seinHarfenspiel beschämt, wenn er später durch seinen Braut-werber in schlauer burlesker Weise die Liebschaften der lieder-lichen jungen Dame mit einem Kleriker an den Tag bringt,wenn er den Damen im Hause seiner Mutter mit dem Krautbuglossa, das die Fische lähmt, Kunststückchen vormacht, soklingt das alles sehr spielmännisch und hat seine Parallelenin den späteren mittelhochdeutschen Spielmannsdichtungendes XII. Jahrhunderts von Salman und Morolf, von Orendel.Aber spielmännischer Überlieferung sollte dies alles der Ruod-liebdichter entnommen haben? Er, der gerade den Ritter

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