Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 153
schild in Mondform, an dessen Rändern bunte Perlen undGlöckchen hängen, auf dessen Fläche in Gold und Email Blätterund Vögelchen dargestellt sind; Armspangen in Gestalt zweiersich küssender Schlangen; eine Spange mit dem Bild einesfliegenden Adlers, in dessen Schnabel eine Kristallkugel hängt,auf der drei Vögel wie lebend hin und her zu schweben scheinen.Der Dichter beschreibt die neuen byzantinischen Goldmünzen,welche eben erst — unter Romanos I. (1028—1034) — aufge-kommen waren, mit ihrer griechischen Inschrift und dem Bildedes Heilands, der dem Kaiser die Hand segnend aufs Hauptlegt; den kostbaren Becher aus vorzüglichstem Nußbaumholzmit vier eingravierten goldenen Flüssen, auf dessen Grundinnen die Rechte Gottes in geschnitzter Arbeit dargestelltist. Und vor allem die merkwürdigen beiden silbernen Brote,die aus vier Schalen hergestellt werden.
Der verdiente letzte Herausgeber des Ruodlieb Seilerhat die Beschreibung der Tierfiguren aus des Dichters Liebefür die Tierwelt herleiten wollen. Aber hier haben wir es offen-bar nicht mit einer neuen persönlichen Erfindung oder Neigungdes Dichters, sondern mit alter literarischer Tradition, der erfolgte, mit einem Stil, den er nachschuf, zu tun.
Auf richtiger Fährte befand sich der Editor des Gedichts, alser die trauernde Witwe, welche die Harfe des Mannes seit seinemTode unberührt läßt, mit der Penelope verglich, die den Bogendes Odysseus seit den Tagen der Trennung verwahrt hielt.Antike Luft weht hier, wenn auch aus weiter Ferne und nichtunvermischt. Diese Beschreibungen von Kunstwerken, Bildern,mechanischen Kuriositäten sind ein altes Requisit antikerromanhafter Dichtung. Gewiß haben schon viele unter meinenverehrten Zuhörern bei meiner Analyse des Ruodlieb sich derKleinmalerei, der idyllischen Manier der alexandrinischenDichtung eines Kallimachos, Theokrit erinnert. Und von dortstammt auch im letzten Grunde ein guter Teil der Kunst desRuodlieb. Freilich nicht unmittelbar, sondern durch die zahl-reichen Zwischenglieder des hellenistischen und sophistischenund frühmittelalterlichen griechischen Romans. Es ist eigent-lich die Manier der sogenannten jüngeren Sophistik, dersyrischen Sophistik, wie man sie mit Recht nach der Herkunftihrer Hauptvertreter aus dem 2. und 3. Jahrhundert der Kaiser-zeit genannt hat, die hier durchblickt: es genügt an des Niko-
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