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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

I

achtend und lugt lange vergeblich nach dem Erwarteten.Unaufhörlich ruft er nach Kinderart:Ruodlieb here, currevenique". Das hört die abgerichtete Dohle, die sprechen kann,fliegt zur Mutter herein und wiederholt es vor ihr. Da ant-wortet diese, während alle lachen, traurig:Fliege zurückzum Knaben, gib wohl Acht und wenn er schreit, so schreidu auch." Endlich aber taucht die Gruppe von vier Reiternaus dem Walde hervor; der Knabe jubelt:Dominus, gaudete,propinquat" und der Vogel kreischt es nach. Nachher feiertman den Zurückgekehrten beim festlichen Mahl: da bekommtdie gute Dohle als Botenlohn auch ihren Bissen von der Mutterin den aufgesperrten Schnabel gesteckt. Als Ruodlieb beider vornehmen Witwe verweilt, reicht ihm diese, da er durchdas Spiel der gewerbsmäßigen Harfner nicht befriedigt nacheiner Harfe fragt, die Harfe ihres verstorbenen Gatten:Siehat", sagt sie,niemand seit seinem Tode berührt, denn beiihrem Ton zerschmilzt meine Seele in Liebe."

Mit lieblichster Kleinmalerei und Treue der Beobachtungverwebt der Verfasser die Tierwelt in seine Erzählung:wie die zahmen Dohlen ihr Bauer verlassen, sich den Damenauf die Hände setzen und streicheln und füttern lassen; wieder Hund bellend wedelt; wie die dressierte Dohle gravitätischüber den Tisch spaziert und dann nach den gereichten Bissenhascht oder sich die Federn mit dem Schnabel glatt streicht;wie Ruodliebs Roß vor Freuden in die Höhe springt, wennsein Herr es besteigt das wird uns in köstlicher Lebens-echtheit gezeigt.

In der Beschreibung aller äußeren Vorgänge ver-fährt der Dichter sehr genau, fast kleinlich. Da wird keineZeitangabe, keine Bestimmung des Ortes, kein Glied der Hand-lung ausgelassen. Es ist das Widerspiel des germanischennationalen epischen Stils, der stets einzelne Momente der Hand-lung überspringt. Es wird gesagt, daß die Beratung bei. ver-schlossenen Türen stattfindet, daß der König nach dem offi-ziellen Empfang der-Gesandten und der Beratung über denFriedensschluß sich in sein Schlafzimmer begibt, um zu ruhen;oder die Damen sich nach dem Essen zurückziehen, daß manan besonderen Tischen speist, daß nach der Mahlzeit die Tisch-tücher zusammengefaltet, die Tische abgeräumt werden, daßdie Gäste vor dem Eintritt in die Burg erst Überkleider u»d