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Literatur und Kunst des Mittelalters
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achtend und lugt lange vergeblich nach dem Erwarteten.Unaufhörlich ruft er nach Kinderart: „Ruodlieb here, currevenique". Das hört die abgerichtete Dohle, die sprechen kann,fliegt zur Mutter herein und wiederholt es vor ihr. Da ant-wortet diese, während alle lachen, traurig: „Fliege zurückzum Knaben, gib wohl Acht und wenn er schreit, so schreidu auch." Endlich aber taucht die Gruppe von vier Reiternaus dem Walde hervor; der Knabe jubelt: „Dominus, gaudete,propinquat" und der Vogel kreischt es nach. Nachher feiertman den Zurückgekehrten beim festlichen Mahl: da bekommtdie gute Dohle als Botenlohn auch ihren Bissen von der Mutterin den aufgesperrten Schnabel gesteckt. — Als Ruodlieb beider vornehmen Witwe verweilt, reicht ihm diese, da er durchdas Spiel der gewerbsmäßigen Harfner nicht befriedigt nacheiner Harfe fragt, die Harfe ihres verstorbenen Gatten: „Siehat", sagt sie, „niemand seit seinem Tode berührt, denn beiihrem Ton zerschmilzt meine Seele in Liebe."
Mit lieblichster Kleinmalerei und Treue der Beobachtungverwebt der Verfasser die Tierwelt in seine Erzählung:wie die zahmen Dohlen ihr Bauer verlassen, sich den Damenauf die Hände setzen und streicheln und füttern lassen; wieder Hund bellend wedelt; wie die dressierte Dohle gravitätischüber den Tisch spaziert und dann nach den gereichten Bissenhascht oder sich die Federn mit dem Schnabel glatt streicht;wie Ruodliebs Roß vor Freuden in die Höhe springt, wennsein Herr es besteigt — das wird uns in köstlicher Lebens-echtheit gezeigt.
In der Beschreibung aller äußeren Vorgänge ver-fährt der Dichter sehr genau, fast kleinlich. Da wird keineZeitangabe, keine Bestimmung des Ortes, kein Glied der Hand-lung ausgelassen. Es ist das Widerspiel des germanischennationalen epischen Stils, der stets einzelne Momente der Hand-lung überspringt. Es wird gesagt, daß die Beratung bei. ver-schlossenen Türen stattfindet, daß der König nach dem offi-ziellen Empfang der-Gesandten und der Beratung über denFriedensschluß sich in sein Schlafzimmer begibt, um zu ruhen;oder die Damen sich nach dem Essen zurückziehen, daß manan besonderen Tischen speist, daß nach der Mahlzeit die Tisch-tücher zusammengefaltet, die Tische abgeräumt werden, daßdie Gäste vor dem Eintritt in die Burg erst Überkleider u»d