Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
149
Einzelbild herunterladen
 

Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 149

gewonnen hat, wollen die Mitspieler ihm den Einsatz aushän-digen. Er verweigert die Annahme, da er nichts eingesetzthat, muß aber ihrem Drängen nachgeben. Ins Vaterhausnach zehnjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, soll er denHerrensitz beim Festmahl einnehmen, aber er überläßt ihnder Mutter. Die Charakteristik des Dichters idealisiert undübertreibt.

Wie der Dichter Schönheit des Körpers, edle Gesinnung,Glanz des äußeren Lebens mit starken Farben malt, so auchdas Häßliche und das Böse. Der alte Bauer, den seine jungeFrau betrügt, erscheint als abschreckendes Scheusal: mitwildem Bart, der den Mund ganz verhüllt, krummer und dickerNase, tiefliegenden Augen, die struppige Augenbrauen wie einWald bedecken. Die Mutter, als sie dem Sohn die Schreckendes Alters auseinandersetzt vielleicht um ihn an die Flüchtig-keit des Lebens zu erinnern oder auf ihren Tod vorzubereitenund so ihn zur rechtzeitigen Vermählung zu bewegen, ent-wirft ein fürchterliches Bild des körperlichen Verfalls.

Alte Weiber führt der Dichter mit grausamer Drastik vorAugen: sie gleichen einem schleichenden Geier oder einemAffen, ihr Hals dem einer gerupften Elster; ihre Schuheschleppen Schmutz nach.

Das Gegenbild des braven Buodlieb, der Rote, ist grellund übertreibend entworfen: er ist sinnlos brutal und zynisch.Aber auch hier zeichnet das Gedicht manchmal durch leiseStriche überraschend wahr: der Rote pflegt sein Pferd nicht.

Der Dichter liebt das Genrehafte, er ist ein realistischerKleinmaler bis an die Grenze des Erträglichen, ja darüberhinaus ins Komische hinein. Wunderhübsch gelingen ihmdabei aber elegische Stellen: als der Sohn in die Fremde zieht,da schaut ihm die betrübte Mutter aus dem Fenster nach ein Motiv, das im 'Parzival' Wolframs und auf Liebesver-hältnisse übertragen in der mhd. Lyrik sowie am Schluß des'Moriz von Craün' wiederkehrt, das Hofgesinde aber klettertauf die Zäune, um dem Herrn so lange als möglich mit den Augenzu folgen: Und die bangen Gedanken, die den aufs Ungewisse indie Fremde ziehenden Ruodlieb erfüllen, weiß der Erzählerstimmungsvoll zu treffen. Als Ruodlieb dann zurückkehren soll,sitzt im Kirschbaum vor der heimischen Burg ein Knabe,der reifen Früchte, die ihm fast in den Mund hängen, nicht