Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 147
und geben zarte Geschenke. Die Charakteristik der Frauenist reich und voll feiner Beobachtung. Die Schönheit undAnmut der Frau hebt der Roman durch Epitheta oder auchVergleiche hervor: als die Tochter der vornehmen Witwe auf-tritt, ging von ihr ein Glanz aus wie vom leuchtenden Mond.Aber auch die weibliche Fröhlichkeit weiß der Dichter zutreffen: als Ruodlieb seine Kunststücke macht und die Fischeverhext, klatschen alle Frauen und Mädchen in die Händevor Entzücken. Das junge Mädchen, mit dem sich RuodliebsNeffe verlobt, treibt mit zahmen sprechenden Staren und Dohlenihre Possen. Sie besitzt die liebenswürdige Gabe, schalkhaft,wenn auch nach modernen Begriffen derb zu scherzen. Nachdem Tanz schlägt sie dem Geliebten ein Würfelspiel vor: werdreimal gewinnt, soll vom andern den Ring bekommen; dannsetzen sie sich selbst ein, und nun gewinnt das Mädchen denRitter als Diener. Als an sie bei der Verlobung vor versammelterVerwandtschaft die übliche Frage gerichtet wird, ob sie denJüngling zum Manne wolle, erwidert sie lächelnd: "Soll ichwirklich den im Spiel gewonnenen Sklaven nehmen? Ichwünsche, daß er mir beständig diene." Und als dann der Bräu-tigam ihr den Ring an den Finger steckt, neckt sie ihn mitseinen früheren Liebschaften: „Du gibst dich mit Buhlerinnenab und verlangst von mir Treue! Ich werde mich hüten, aufdas Verlangen einzugehen. Leb wohl: ich kann noch vieleandere heiraten!"
Nie hätte nach den alten Anschauungen ein Mädchenzu ihrem künftigen Mann so reden dürfen. Das Verhältnisder beiden Geschlechter stellt der Dichter völlig anders darals es die nationale Überlieferung verlangte. Die Männer weinenbeim Abschied: Ruodlieb und das ganze Gesinde. Oder auchvor freudiger Überraschung (Ruodliebs Neffe als er von Ruod-lieb eingeladen wird). Aber die verlassene Mutter weiß sichbald zu beherrschen und verbeißt ihren Schmerz.
Als am Hofe der vornehmen Witwe Ruodlieb drei Tänzegespielt hat, bitten die Damen noch um einen vierten. Toutcomme chez nous.
In dem Versuch tieferer psychologischer Darstellung einesproblematischen weiblichen Charakters erinnert der Romanan Hrotsviths Gestaltung der verführten Maria. Die jungeFrau des alten Bauern läßt sich leicht zur Treulosigkeit bereden,
10*