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Literatur und Kunst des Mittelalters
suchen sie im Dorf Unterkunft: ein Hirt weist sie an ein Haus,wo ein junger Mann mit einer alten Frau haust und erzähltauf Verlangen ausführlich die Heiratsgeschichte des Paares.Ruodlieb bleibt bei diesem Paar und hat es gut, der Rote gehtin ein anderes Haus, wo ein alter Mann mit einer leichtsinnigenjungen Frau lebt, begeht dort Ehebruch und Totschlag und wirdam nächsten Tage vom Gericht zum Tode verurteilt.
Ein neues Ideal weltlicher Sitte und Sittlichkeit stelltdieser Roman auf. Mit peinlicher Genauigkeit wird die Ein-haltung der festgesetzten Formen für alle Vorgänge des Lebensbeobachtet. Die diplomatischen Gewohnheiten in dem Empfangder Gesandten und den Verhandlungen mit ihnen, bei Be-grüßung und Abschied, die Förmlichkeiten bei Beratungen,bei den Mahlzeiten, bei der Verlobung, bei dem Familienrat.Begrüßungs- und Abschiedsaudienz, Besuch und Gegenbesuchwerden jedesmal unterschieden und beschrieben. Man erhebtsich vom Sitze und steht beim Reden in der Versammlungund auch im Verkehr mit Personen, denen man Ehrfurchtschuldet. Gäste setzen sich bei der Ankunft erst, wenn dieHausherrin sie auffordert. Die Kunst des Anweisens der Plätzemuß der Hausherr verstehen, soll er nicht Verdruß erregen.Verneigen, Komplimente für Abwesende, Dank, Hutabnehmenzur Begrüßung, Küsse, Höflichkeitslächeln, Abschiedstrunk —das sind die Akte, in denen sich der gesellschaftliche Verkehrvollzieht und deren Unterlassung gelegentlich als ungeschliffengerügt wird.
Der Sinn für den Luxus des Lebens ist erwacht: dieAusrüstung der Helden, die Waffen, das Hausgerät, Schmuck-sachen und Kunstwerke, die Kleider werden detailliert undanschaulich geschildert.
Die Galanterie, das wichtigste Kennzeichen der ritter-lichen Bildung, wird im Roman vorausgesetzt. Der Gast reichtden Ehrenbecher, bevor er selbst trinkt, der Hausherrin. JungeLeute tragen den nach dem Essen sich in ihr Gemach zurück-ziehenden Frauen die Kissen nach und erhalten dafür zumLohn eine Schale Weins, die bei allen zirkuliert. Der Rittermuß nicht bloß tüchtig im Kampf und auf der Jagd sein, erversteht es auch, sich gewandt zu unterhalten, er ist des Saiten-spiels und des Tanzes kundig. Der Begriff der Minne blicktschon hervor: die Damen senden Liebesgrüße, empfangen