Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
143
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Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 143

wird. Auch hier waltet ein starker satirischer Zug: der Pfarrerist unter den habsüchtigen, törichten Menschen, die der Eulen-spiegel Unibos prellt. Wenn 'Einochs' seine sich tot stellendeFrau, die er für ermordet ausgibt, durch Flötenspiel ins Lebenzurückruft; wenn der Bauer den Pfarrer immer wieder über-listet, den seine Habgier blendet; wenn 'Einochs', als er durchSchlauheit von einem Sauhirt die Herde erhalten hat, erklärt,er habe sie auf dem Meeresgrund in einem herrlichen Landegefunden so erklingt da literarische, aber auch soziale Kritikund Satire.

Die Darstellung in diesen lateinischen Gedichten Frank-reichs und Deutschlands bewegt sich so lebendig, drastisch,vielfach so burlesk und ausgelassen, daß man geneigt ist, dieseKunst aus einer andern Welt als der geistlicher Bildung abzu-leiten: aus der Welt der Spielleute. Und wenn sich auch nichtnachweisen läßt, daß die vorliegenden Gedichte von Spielleutenverfaßt sind, so steht doch durch das Zeugnis des DichtersAmarcius für den Anfang des 11. Jahrhunderts fest, daß dieseStoffe zum Repertoire der Spielleute gehörten.

Die Spielleute in Deutschland, die Jongleurs in Frankreich,die Minstrels in England haben die Erbschaft nicht nur deralten epischen Volkssänger, sondern auch die der spätantikenMimi angetreten. Als die nationale Heldendichtung an Achtungbei den Gebildeten verlor, sank auch die soziale Stellung desnationalen Sängers. Mit der äußeren Reputation büßte er auchdie eigene innere Ehrfurcht ein vor der überlieferten Sage.Das treue Festhalten an dem Stoff, den Jahrhunderte nationalerÜberlieferung geprägt hatten, brachte bei den Vornehmenkeine Anerkennung mehr. Die Beständigkeit und Festigkeitim Leben des epischen Sängers wie in seiner Art zu dichten,hörte auf. Die Fiktion, die freie den Stoff willkürlich neu-gestaltende Tätigkeit der Phantasie konnte allein Beifall er-ringen. Der einstige Genosse des Königsfisches ward ein fahren-der Gesell und griff auf, was aus dem sterbenden Altertuman Künsten niedriger Unterhaltung durch die zweifelhafteKlasse der umherziehenden Schauspieler, Sänger, Tänzer,Rezitatoren gerettet worden war.

Komische Szenen darzustellen, Lieder zu singen, Schwankeund Anekdoten vorzutragen, allerlei Possen zu treiben, Kunst-stücke mit Tieren und Puppen auszuführen, das alles verstanden