Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 141
französischen Fabliau; sie ist in ganz Europa, auch in Nord-indien nachzuweisen; als Märchen lebt sie noch heut in Hessen,und stammt wohl aus Asien.
Eine andere Sequenz in lateinischer Sprache enthält dasälteste deutsche Lügenmärchen: ein König will seine Tochter,um die viele werben, nur dem zur Frau geben, der die Kunstdes Lügens so gut versteht, daß der König ihn selbst für einenLügner erklären muß. Ein listiger Schwabe bindet ihm nuneine ungeheuerliche Jagdgeschichte auf. Als er ein erschossenesHäslein abweidete, flössen aus dessen beiden Ohren je hundertMaß Honig und hundert Scheffel Erbsen. Das legte er allesin das abgezogene Fell, und wie er nun das übrige zerschnitt,fand er an einer seltsamen Stelle eine königliche Urkunde,die bestimmte, daß der König sein Knecht sei. „Die Urkundelügt wie du" — da wurde der Schwabe des Königs Eidam.
Die gleichfalls internationale Geschichte enthält in dieserFassung offenbar eine Parodie auf jene oben von mirwiederholt beleuchtete altüberlieferte Manier der fingiertenurkundlichen Beglaubigung, wie sie sich im antikenRoman und daraus in der frühchristlichen und mittelalter-lichen Legende entwickelt hatte und dann auch in den mittel-alterlichen Roman und das mittelalterliche Spielmannsgedichtüberging (s. ob. S. 117. 137).
Die geistlichen Visionen parodiert ein strophischer la-teinischer Schwank vom Erzbischof Heriger, worin diesereinen Lügenpropheten abführt, der sich gerühmt hatte, in dieHölle gefahren zu sein. Der Aufschneider wird von dem Bischofaufs Glatteis gelockt und durch scheinbar entgegenkommendeAntworten auch zu einer detaillierteren Schilderung des an-geblich gesehenen göttlichen Hofhaltes gebracht. „Wie hochehrte dich denn der Herr des Himmels? Wo saßest du? Washast du gegessen?" — „In einem Winkel stahl ich ein Stück-chen Lunge, das verzehrte ich und suchte das Weite." Daläßt ihn der Bischof binden und mit Ruten streichen, weiler von Christus zur Mahlzeit geladen, ihn bestohlen habe.
Eine wirkliche Begebenheit des Klosters Homburg ander Unstrut bei Langensalza verspottet ein anderer lateinischerSchwank, den Stil des Heldenepos travestierend. Ein altesNönnchen hatte eine kleine Eselin, die überfiel ein Wolf und,nachdem er ihr erst den Schwanz, mit dem sie um sich schlug,