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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

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II

Kaum sind hundert Jahre vergangen, daß Notker Balbulusden Melodien der liturgischen Sequenz Verse als Text unter-legte, und schon dichtet man auf diese Sequenzenmelodienauch weltliche Texte in lateinischer Sprache: historische Lieder,Versnovellen, Schwanke, Parodien auf die Visionsgattung. Estreten uns hier zum erstenmal mehrere Stoffe entgegen, dieeinen Rundgang durch die Literaturen gemacht haben.

Dicht an Ekkehard I. heran führt ein lateinisches Poem,das sich Modus Ottinc nennt, weil es nach einer Melodie geht,die einst in bedeutungsvoller Stunde in Kaiser Ottos Lebeneingegriffen hatte. Bei einem Palastbrand hatte die Umgebungnicht gewagt, den Schlafenden zu berühren und ihn deshalbdurch Saitenspiel geweckt. Der damals gespielten und ge-sungenen Weise legte man den Namen des Kaisers bei. DieMelodie selbst ist nun aber eine Scquenzenmelodie. Dieseaus dem Kultus herausgewachsene musikalisch-dichterischeForm, die auch Ekkehard I. gepflegt hatte, ist also im Laufekurzer Zeit zum Ausdruck weltlicher Epik benutzt worden.Der Inhalt des Gedichts ist panegyrisch und knüpft an dieUngarnkämpfe an wie der Waltharius. Eine andere Se-quenzenmelodie hieß Modus Liebinc, weil nach der Schlachtvon Squillace Otto IL auf der Flucht durch das Meer einemFahrzeug entgegenschwimmend von einem gewissen Liuppovor einem Schiffer gerettet ward, der ihn festhalten wollte.Diese Anekdote berichtet Thietmar von Merseburg offenbar aufGrund von Spielmannsliedern, die das Ereignis feierten.Nach der Weise dieser Lieder wurde nun auch ein sehr un-christlicher Schwank vom Schneekind gedichtet: ein schwäbischerKaufmann wird, während er eine Seereise unternommen hat,von seiner Frau betrogen und findet, nach zwei Jahren zurück-gekehrt, einen Sohn vor. Die listige Frau begegnet dem fragen-den Vorwurf des Mannes mit der Auskunft, das Kind habe sieinfolge davon, daß sie einmal ihren Durst mit Schnee löschte.Der Mann, scheinbar beruhigt, nimmt den Knaben auf seinenächste Seereise mit, verkauft ihn unterwegs als Sklaven underzählt bei seiner Rückkehr der entsetzten Frau, das Schnee-kind sei, als ein Sturm sie auf die heißen Sandbänke Afrikasgeschleudert habe, in der Sonne zerflossen.

Die Geschichte gehört zu den Weltmärchen. Außer inzwei anderen lateinischen Behandlungen besitzen wir sie als