Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 139
verlobt und in strenger Askese herangewachsen, dann aberdurch einen Mönch verführt und in ein Bordell geraten ist,befreien will und zu diesem Zweck dort als liebelustiger Kriegs-mann verkleidet sich einführt, gratuliert der Wirt des Hausesschmunzelnd dem Mädchen, daß es nicht nur Jünglinge, sondernauch alte Herren erobere, und während sie den Pflegevatererkennend in Tränen ausbricht, spielt der Alte seine Rolletapfer weiter.
Die Psychologie des weiblichen Herzens gerät dieserNonne seltsam gut. Die schöne Frau des Callimachus,heimlich Christin und dem Himmel verlobt, fürchtet doch dieVersuchungen des jungen Andronicus, so daß sie kein anderesMittel der Rettung sieht als den Tod — wie Lessings Emilia.Aus solchem Holze waren die höfischen Damen geschnitzt,denen die Anträge der Minnesänger das Blut so sehr in Wallungbrachten. Auch die zwei Bekehrungslegenden, wo die verführtenChristentöchter dem Hetärendienst entrissen werden, enthaltensolche echte Züge aus dem problematischen Gebiet der weib-lichen Natur.
Sentimentalität in der Weise der spätantiken erotischenErzählungen, schwächliche Auffassung der Sünde macht sichallerdings stark bemerkbar. Die asketische Strenge ist hieraufgelöst, die Tragik der Schuld ist hier verwässert; der großeZug der altchristlichen Ethik ins Übermenschliche ist vermensch-licht, aber auch verflacht.
Eine Verweltlichung, wenn auch keine Vermenschlichung,bedeutet das allegorische Legendendrama, in dem die dreiTöchter der Sapientia: Fides, Spes, Caritas den Opfertod er-leiden. In dieser auf Simon Metaphrastes zurückgehendenAllegorie ist aus der Psychomachie des Prudentius, aus derAllegorie des Marcianus Capella und Boethius eine Methodeder poetischen Gestaltung gewonnen, die in der Folgezeitverhängnisvoll sich ausbreiten und schließlich auch den welt-lichen Roman in ein Puppenspiel allegorischer Handlungenvon Personifikationen auflösen sollte.
IX.
Die gelehrten, die kirchlichen literarischen Formen werdenin dieser Zeit mit staunenswerter Schnelligkeit zum Gefäßweltlichen Jnhalts.
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