Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 137
würdige Angabe in einem lügen- und fabelreichen Spielmanns-gedicht des 12. Jahrhunderts — der sogenannten 'Klage' —berichtet, daß im Auftrag des Bischofs Pilgrim von Passaudamals auch dessen Schreiber Konrad die Nibelungensagein lateinischer Sprache aufgezeichnet habe. Und ein Jahrhundertspäter fand das Gedicht 'Waltharius' noch Beifall: auf Befehldes Erzbischofs Aribo von Mainz unterwarf es Ekkehard IV.von St. Gallen einer formalen Redaktion.
VIII.
Die Nonne Hrotsvith von Gandersheim kann alseigentliche Vertreterin der Kunstepik des Ottonischen Zeit-alters gelten. Eine Schülerin der gelehrten Nichte Ottos I.,Gerberg, der Äbtissin von Gandersheim, hat sie poetischeLegenden in epischer und dialogischer Form sowie ein histo-risches Epos geschaffen. Die Legenden in leoninischen Hexa-metern und Distichen behandeln zum Teil ganz junge Ge-schichten, Geschehnisse die erst vor einem Jahrhundert statt-gehabt und legendarisch fixiert waren. Eine beruht sogar aufdem mündlichen Bericht eines Zeitgenossen: eines christlichenMitglieds der Gesandtschaft von Abderrahman III. aus Cordoba.Hrotsviths Legenden nähern sich also auch in der Wahl desStoffs dem Sinn des Wortes Novelle: es sind neue Vorfälle,die sie bringt.
Zwei andere Legenden führen in die Weltliteratur die dich-rische Gestaltung der mittelalterlichen Faustsage ein: die Ge-schichten von den Teufelsbündnissen des Theophilus und desDieners des Proterius. Die Novelle vom Theophilus ist erstim 6. Jahrhundert von dem Griechen Eutychianos verfaßtund wendet den beliebten (oben S. 117 besprochenen) Kunst-griff der fingierten Beglaubigung an: der Dichter willals Augenzeuge und Hausgenosse des Theophilus erzählen.Die lateinischen Übersetzungen beider Legenden, welche Hrots-vith benutzte, stammen aus dem 9. Jahrhundert und sind beidein Italien entstanden. Sie führen ein der alten Simon Magus-und der modernen Faustsage verwandtes Motiv in die mittel-alterliche Literatur ein.
Welche Kluft trennt aber die hier vertretene Auffassungdes Teufels von der altenglischen! Der Teufel dieser spätengriechischen Legenden wird getäuscht; durch Anrufung der