Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 135
der eine betitelt: 'Über die Wunder Indiens', der andere:'Über seine Reise nach Indien und die Lage von Indien'. Dererste, ursprünglich griechisch abgefaßt, war auch in den Romandes Pseudokallisthenes aufgenommen worden, der andere istselbständig geblieben und von vornherein lateinisch geschriebenseit dem 9. Jahrhundert verbreitet. Da hört man von derSchilfstadt im bittern Fluß, von Männern mit sechs Händen,von Prasiaca in Indien, wo die Bäume reden, wo der heiligeBaum Alexandern den Tod weissagt, von dem Pallast desPorus mit goldnen Säulen, zwischen denen ein Weinstock mitgoldnen Blättern, Zweigen aus Kristall und Edelsteinen sichbefindet; von dem Odontotyrannus mit drei Hörnern auf derStirn und einem Pferdekopf; von den acht Fuß hohen, völligbehaarten Ichthyophagen und von den Hundsköpfen.
Man kann den Alexanderroman eine Odyssee in Briefennennen, und diese Bezeichnung trifft auch insofern zu, als dieeigentümliche Komposition der Odyssee, die Einschachtelungeiner zurückblickenden Erzählung in der Ich-Form, beibehaltenund nur durch Briefe des Helden ersetzt ist.
Ein zweiter griechisch antiker Roman des 3. Jahrhunderts,der im 6. Jahrhundert christianisierend und popularisierendins Lateinische übersetzt worden war und eine immense Ver-breitung fand, was sich in immer neuen frei ändernden Ab-schriften zeigte: der 'Apollonius von Tyrus', wurde jetztin Leoninischen Hexametern mittelalterlich gestaltet. Esgeschah in den Niederlanden, wahrscheinlich in Gent. DieKünste der aufblühenden Rhetorik sind dem "Werk verhängnis-voll geworden: der Dichter hängt von Ovid, Vergil und Persiusab; er liebt Schilderungen und Gleichnisse; er prunkt mitgriechischen und halbgriechischen Worten.
Im stammverwandten England aber werden jetzt derAlexanderbrief über Indien wie der Apollonius schon dernationalen Literatur gewonnen: in englischer Sprache lasman dort von den Wundern des Ostens und von den selt-samen Abenteuern des rätselratenden Königs von Tyrus.
VII.
Antike Bildung hatte NotkerBalbulus besessen und mit volks-tümlicher Erzählung, mit der Wiedergabe nationaler Sage ver-bunden; antike Bildung mit deutscher Heldensage auszusöhnen,