Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
133
Einzelbild herunterladen
 

Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 133

Entzücken erzählt er eine echte Spielmannsschnurre von derÜberlistung der heimtückisch-grausamen Hofgesellschaft durcheinen Gesandten des deutschen Kaisers.

Es ergibt sich aus dem Gesagten ein inniger Zusammen-hang zwischen französischer und deutscher volks-tümlicher Dichtung. Dieser Zusammenhang wurde be-sonders folgenreich auf dem Gebiet der volkstümlichen epischenErzählung. Er lebt vor allem in den Kreisen der Spielleuteund Jongleurs. Er muß ein wechselseitiger gewesen sein.Denn wenn neuere Forschung dunkle Ahnungen der BrüderGrimm bestätigend und klärend, festgestellt hat, daß die alt-französische nationale Epik in Motiven, Namen, Darstellungund Stil von der germanischen, der fränkischen Volksepikangeregt und beeinflußt worden ist, so hat sich später die deutscheVolksdichtung an der französischen Schwester gebildet. Einhin und her gehender Austausch besteht hinfort zwischendeutschen und französischen fahrenden Sängern.

Der Mönch von St. Gallen hat zu dem historischen BildeKarls des Großen, wie es Einhard geschaffen, den erfundenenZug gefügt, Karl habe sich gesehnt, einen Kriegszug ins heiligeLand zu unternehmen, und bedauert, daß das zwischenliegendeMeer ihn daran hinderte. Überhaupt zieht das Verhältniszu den östlichen Völkern seine Phantasie besonders an. DieGesandtschaft des Harun al Baschid an Karl den Großen malter beinahe märchenhaft aus. Man verknüpfte also schon da-mals Karls Person mit dem Morgenland und mochte wohlschon damals aus dem Plan des Orientzugs eine Tatsacheschaffen. Hundert Jahre später (um 970) nahm in Italiender Chronist Benedict vom Berge Soracte diese Sagen voneinem Kreuzzug des großen Karl, den er von einem fabelhaftenOrt Traversus angetreten habe, von einem Bündnis mit demKönig der Perser, von einem Besuch des heiligen Grabes insein Geschichtswerk auf und fixierte dadurch zuerst literarischeine Sage, die im Zeitalter des ersten Kreuzzugs bald nachder Mitte des 11. Jahrhunderts in dem französischen Gedichtvon der 'Pelerinage de Charlemagne' die nationale Literatureroberte, in ganz Europa aufflammte und als Agitationsmittelbenutzt wurde, bis dann Friedrich der Botbart sie im Interesseder kaiserlichen Macht durch die Erhebung der Beliquien inAachen legitimierte.

! "