Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
127
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Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 127

Tätigkeit als Ausfluß des allgemeinen Heilsplans will er ein-drucksvoll, erbaulich, theologisch in gewählten "Worten kunstvolldarlegen. Er fühlt sich gleich Lukrez als Bahnbrechereiner neuen Kunst, und an die Einleitung zu dessen Lehr-gedicht über die Natur klingt der Anfang seines Gedichts wört-lich an: gleich ihm klagt er über die Schwierigkeiten auf demnoch unbebauten Felde einer zur Dichtung ungeübten Sprache.Und hatte Lucrez sein Werk mit einem Hymnus auf die Venus,die Liebe, als das Lebensprinzip der Welt begonnen, hatteer in seiner Widmung an Memmius seine Arbeit als einen süßenLiebesdienst der Freundschaft bezeichnet, so schließt Otfriedsein Evangelienbuch mit einem Epilog an Hartmut, der dieMinne oder Caritas erhebt und bezeichnet gegen Ende seinerDichtung diese als Erfüllung einer Bitte brüderlich liebevollerFreunde. Er schöpft seine mystisch-allegorischen Interpreta-tionen, die er ganz nach der durch Origenes, Hilarius undAugustin festgestellten Norm handhabt, aus den theologischenKommentaren zu den Evangelien von Beda und Alkuin, Ho-milien von Gregor, Beda, Augustin usw. Er geht darin weitüber die bescheidene allegorische Ausdeutung hinaus, die sichder Helianddichter bei den Gleichnissen Christi erlaubt. Alsneuer Stoff drängt sich jetzt die Literatur der apokryphenEvangelien, der Legenden ein.

Den neutestamentlichen Bericht der Verkündigung schmücktOtfried auf Grund des apokryphen Evangeliums des sogenanntenPseudo-Matthäus mit einer genrehaften Schilderung ihrerSituation: der Engel findet sie mit dem Psalterbuch, singendund prächtiges Tuch aus teurem Garne wirkend. Dieser Situa-tion hatte sich früh die bildende Kunst bemächtigt: Aldhelmhat ein Gedicht auf einen Marienaltar verfaßt, der sie darstellte.Die lateinische Kunstdichtung der altenglischen und karo-lingischen Renaissance liebt es überhaupt, anzuknüpfen anbildliche Darstellungen (vgl. oben S. 53. 82 f.).

Otfrieds Werk ist die Spitze der karolingischen Renaissanceauf literarischem Gebiet, eine Frucht der Unterweisung desHrabanus in der Schule zu Fulda, belebt vom Ehrgeiz, daßdie neue christliche Dichtung nicht zurückstehe an Voll-endung hinter der altchristlichen und antiken lateinischen.Otfrieds Vorbild ist, wie er in seinem Prosaprolog bekennt,die lateinische Kunstdichtung: die Epik des heidnischen Alter-