Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 125
Schon der Helianddichter hatte gegen die biblische Quelledie Beziehungen auf Teufel und Hölle reich ausgeführt. DenKampf der Engel und Teufel um die menschliche Seele nachdem Tod, den Streit des Elias gegen den Antichrist, den Welten-brand und das jüngste Gericht behandelte das 'Muspilli' alsselbständige Dichtung. Weit darüber hinaus in subjektiverGestaltung des eschatologischen Stoffs geht aber Otfried.Auch er dehnt seine Erzählung aus bis zur Wiederkunft Christiund dem jüngsten Gericht. Das Schicksal nach dem Tode,das jüngste Gericht füllt fast das ganze letzte Buch seines Ge-dichts. Und selbst eine so irdisch einfache Situation, wie dieAnbetung der heiligen drei Könige, die, sollte man meinen,durch ihre echte Poesie genug auf die Phantasie wirkt, mußihm herhalten, daran einen Ausblick in die ferne Ewigkeitnach dem Tode zu knüpfen: wie die Heiligen Drei Könige,schlafend vom Engel gemahnt, eilig in ihr Heimatland zurück-reisen, so sollen auch wir, mahnt der Dichter mystice, unsereHeimat aufsuchen, das Paradies, das man mit Worten nichtvoll loben kann, dessen Herrlichkeit nur glaube wer sie mitAugen gesehen, wo Leben ohne Tod, Licht ohne Finsternis,der Engel Geschlecht und ewige Wonne herrsche.
Otfrieds Evangelienbuch entfernt sich am meisten vomnationalen Epos und vom nationalen epischen Stil. Freilichdie innere Form auch der altsächsischen und altenglischenepischen Dichtung christlichen Inhalts weicht weit ab vonder alten nationalen. Der Stil des Vortrags schwankt hinund her zwischen Homilie, für die Gregor der Große undAugustin, auch Beda, zwischen Hymnen, für die PrudentiusMuster sind, und den Erinnerungen an das heimische Epos.Aber diese Dichtung bleibt doch dem realen Stoff und demnationalen Stil näher; sie bewahrt den alten Stabreim, währendOtfried nach dem Vorgang der lateinischen Schuldichtungseiner Zeit den Endreim einführt.
Diese neue Form hat ihren Ursprung nicht, wie man meistensannimmt, in dem Hymnenvers, der in der Regel reimlos er-scheint. Der Endreim ist von Haus aus ein rhetorischesHomoioteleuton, das zunächst als Abschluß eines Kolons derprosaischen Rede von der spätantiken spielenden Techniknach alter rhetorischer Tradition verwendet wurde. Was diepoetae neoterici oder novelli (nach der Terminologie des Dio-