Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 121
irdischen Mächten bringen will: aus den Mysterien des Asklepios-dienstes erwachsen seine Krankheitszustände, seine Traum-visionen und paradoxen Kuren. In der vierten Rede, die seineReise vom Zeustempel nach dem Aiseposflusse beschreibt,erzählt er, Asklepios habe ihn zuerst zur Dichtkunst geführt,indem er ihm im Traum befohlen, einen Päan auf Apollo zudichten und ihm zugleich den Anfang mitgeteilt habe. Eserschien ihm zuerst ganz unmöglich, da er sich niemals imDichten versucht hatte, aber auf dem gegebenen Anfang gleich-sam wie auf einer Stufe stehend habe er es vermocht. ZumDank dafür rettete ihn der Gott aus einem Schiffbruch. Erbefahl ihm, auch weiterhin zu dichten und Gesang zu pflegenund Knaben dazu anzuhalten. So oft ihn nun Krankheitenbefallen, erinnert ihn sein Arzt an die Träume und die Gebotedes Heilgottes, und wirklich bringt die Musik jedesmal Er-leichterung. Dann bezeichnet ihm der Gott auch, andere zubesingen, Pan, Hekate, Achelous. Auch die Athene erscheintihm im Traume und verkündigt ihm den Anfang eines Hymnus,den er auf sie singen soll. Desgleichen Dionysos, der ihm denRefrain zur Verfügung stellt. Im Traum kommt ihm ein Epi-gramm für ein Weihgeschenk zu Ehren des Zeus Asklepios.Im Traume verkündet ihm der Gott eine dreizehnjährigeKrankheit, dann aber noch mehrere Jahre Lebensdauer.Aristides schachtelt auch einen Traum in den andern ein:er träumt, daß er im Traum die Ärzte verhandeln hört, dannträumt er weiter, daß sie nun wirklich kommen und genaudas sprechen was er vorher geträumt hat und er sich wundertüber die Genauigkeit der Erfüllung seines Traumes. Besondersmerkwürdig ist ein Traum: beim Aufgehen des Morgensternsglaubte er auf seinem Landgut einen Weg entlang zu gehenund mit ihm einer seiner Freunde, ein Verehrer Piatos. Denfragte er spöttisch, was die Anhänger Piatos so groß tun. Dabat jener ihm zu folgen und führte ihn, erhob nach einer kurzenStrecke die Hand, zeigte auf eine Stelle des Himmels und sagte:„Das ist in Wahrheit der, den Plato die Seele des Weltallsnennt." Aristides schaut empor und erblickt den Asklepiosim Himmel, wie er in Pergamus dargestellt ist, und zugleicherwacht er. Ebenso träumt er einmal im Vorhof des Tempelsseine eigene Statue zu sehen, die ihm so groß und schön wiedie des Asklepios vorkommt. — Man bemerke die drei charakte-