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Literatur und Kunst des Mittelalters
humbrien lebte. Diesem war die Gabe des Gesanges versagt,so daß er vom Gastmahl aufzustehen pflegte, wenn die herum-gehende Harfe an ihn gelangte. Einst erschien ihm, währender in einem Viehstall schlief, ein Gesicht, und eine Stimmeforderte ihn auf, von der Schöpfung der Welt zu singen. Undim Traum hub Kädmon wirklich ein Lied an, dessen Anfangs-sätze Beda mitteilt und das uns am Ende einer Handschriftseines Werkes auch in nordhumbrischer Sprache in allite-rierenden Versen erhalten ist. Erwacht wiederholte Kädmonalles und fügte ähnliches hinzu. Darob erstaunte alle Welt.Im Kloster mußte er Proben seiner neu gewonnenen Kunstzeigen. Man trug ihm die biblische Geschichte vor und alles,was er von den gelehrten Männern vernahm, verwandelte erin Dichtung. So sang er die ganze Genesis, den Auszug Israelsaus Ägypten (Exodus), Christi Menschwerdung, Passion, Auf-erstehung und Himmelfahrt, die Ausgießung des heiligen Geistesund die Predigt der Apostel. Auch vom künftigen Gericht,von den Schrecken der Hölle und den Wonnen des himmlischenReichs verfaßte er viele Lieder. Außer den erwähnten Anfangs-worten wird gegenwärtig keine der erhaltenen altenglischenDichtungen diesem Kädmon zugeschrieben. Seine Geschichteaber gefiel so, daß sie zu Ende des 9. Jahrhunderts und im10. Jahrhundert zweimal von einem Deutschen in lateinischerProsa und in lateinischen Versen wiederholt und auf die altsäch-sischen Gedichte 'Heliand' und 'Genesis' bezogen ward.
Jedem fallen die genau übereinstimmenden Visionssagenein von Homer, dem die Helena im Traum Auskünfte gibt,von dem Lämmer weidenden Hesiod, dem die Musen durcheinen Lorbeerzweig die Gabe des Gesangs verleihen, von Aischylosdem, während er im Weinberg schlief, Dionysos befahl eineTragödie zu dichten. Aber sollte Beda die Geschichte wirklichvon dort entnommen haben? Liegt nicht viel eher eine Tra-dition vor, die auf die rhetorische Praxis der Kaiser-zeit weist und durch schulmäßige Lehre an Beda gelangt ist?
Der raffinierte Rhetor und attizistische Theoretiker derjüngeren Sophistik Aelius Aristides (im 2. Jahrhundertn. Chr.) arbeitet das Visionsmotiv zu einem festen Requisitdes rhetorischen Stils aus. Seine 'heiligen Reden' sind dieseltsamsten Äußerungen einer pathologischen Phantasie, diedas eigene Ich in magischen Zusammenhang mit den über-