Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
117
Einzelbild herunterladen
 

Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 117

von der dämonischen Macht des Satans, von den grausigenQualen der Hölle, von den Brunnen des feurigen Abgrunds,wo glühend flüssiges Blei und Pech und gefräßige Würmerdie Verdammten peinigen, von den lichten Welten der Seligenauf den Gestirnen, wo die Gerechten im Schöße Abrahamsruhend Düfte unvergänglicher Blumen atmen und ambrosischenTau schlürfen.

IV.

Nicht nur phantastisch-märchenhafte Motive übernimmtdas mittelalterliche christliche Epos gleich der mittelalter-lichen Legende, Homilie und Hymne aus alter Tradition. Auchgewisse Formen ihrer typischen Einkleidung behält siebei: die Vision; den traditionellen Eingang der Icherzäh-lung; die fingierte urkundliche Beglaubigung; dieUnterbrechung der epischen Darstellung durch Einschaltungeines erzählenden Rückblicks in der Ich-Form (Odyssee)oder eines Briefes (Alexanders des Großen Brief über dieWunder des Ostens bei Pseudokallisthenes). Auch die christ-liche Tiersymbolik gestaltet antike Motive nach festem Schema.Von diesen fünf aus der Antike ererbten Typen epischer Dar-stellung wird eingehender hier nur der erste gewürdigt, dieübrigen aber können bloß gelegentlich gestreift werden.

Die Form der Vision war der geeignetste Ausdruck fürdie epische Darstellung des Übersinnlichen, insbesondere derGeheimnisse des Jenseits. Jeder erzählende Dichter auchder modernste Novellist muß sich mit der stillen Frage desPublikums abfinden:Woher weißt du das?" Es ist bekannt,welche sonderbar rationalistischen Gesetze unsere neustenRomantheoretiker und Romandichter aufgestellt haben, dieserFrage gerecht zu werden.

Woher hast du deine Kenntnis von Himmel und Hölle,von der Unsterblichkeit der Seele?" Die stillschweigende Ant-wort der Dichter war: durch plötzliches wunderbares Sichtbar-werden des Unsichtbaren, d. h. durch Vision.

So lange menschliche Herzen zittern unter dem Schauergeahndeter Ewigkeit, arbeitet die Phantasie, den Hauch ausden unendlichen Abgründen unserer Zukunft zu fassen, inBild und Wort zu bannen.