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Literatur und Kunst des Mittelalters
I
Lüfte und an das Höllentor führen, aber auf Gottes Befehlauch wieder an seine Wohnstätte tragen müssen, genau denZügen der Vita des Antonius, die dem Athanasius beigelegtwird, und die nichts ist als eine Nachdichtung der Dämonen-kämpfe ägyptischer Eremiten des Serapis aus der Zeit derPtolemäer, die wir aus Papyrushandschriften kennen.
Wenn der Dichter des englischen 'Guthlac' gegen seineunmittelbare Vorlage die Schilderung der Landschaft erweitertund idealisiert zu einem paradiesischen Bild des Frühlings,in dessen Duft der Heilige entschläft, so verfährt er wiedernach dem Vorbild der alten Vitae patrum, in denen man einenRousseauschen Ton, ein sentimentales Naturgefühl wahr-nimmt, wie z. B. die zauberhafte Oase der Thebais in desRufinus Mönchsgeschichte lehrt, und dies Vorbild setzt dochchristlich gewendet nur fort jene stoische sentimentale Utopiein dem von Diodor ausgezogenen Ich-Roman des Jambulosvon der seligen Insel am Äquator, wo die Menschen auf blühen-den Wiesen inmitten der herrlichsten Natur ein einfachesLeben geregelter Mäßigkeit im Dienste der Sternkunde führen,bis sie hochbejahrt durch Einatmen einer betäubenden Pflanzesanft in den Tod hinüberschlummern.
Und endlich: wenn in den Vitae patrum die heiligenEremiten die Löwen und andere wilde Tiere friedlich wie Haus-tiere um sich sammeln, wovon auch im altenglischen 'Andreas'eine Spur sich findet, so lebt hierin die alte Sage vom Orpheusfort, der durch seinen Gesang die Tiere zähmte, wie sie frühim allegorischen Sinne verwendet wurde und in spätantikerund altchristlicher Kunst hundertfach versinnlicht war.
Diese ganze jüdisch-hellenistisch-römische Mythologie desJenseits, die der ältesten mittelalterlichen Kunstepik denStempel aufdrückt, dreht sich um die eine große Antithese:Finsternis, Qualen, strafende Kathartik, Verdammnis einer-seits im dunkeln Reiche, seliger Glanz, ewige Wonnen in denSphären des Paradieses anderseits. Diese Schrecken und dieseFreuden werden ganz realistisch geschildert. Mit großenhinreißenden Bildern, die wie Sturm und Donner und Blitzdahinfahren und der Phantasie unauslöschlich sich einprägen.Eines der frühesten und mächtigst fortwirkenden Vorbildergab solcher Schilderung des Prudentius 'Hamartigenia', dasGedicht vom Ursprung der Sünde: es entrollt packende Bilder