Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
109
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Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 109

Dieses Schema übernimmt die christliche Legende underfüllt es mit christlichem Inhalt. Es bleiben die beliebten underprobten Mittel, Teilnahme und Spannung zu erregen. Mitdiesen Mitteln schmücken die apokryphen Evangelien undApostelakten die knappen historischen Nachrichten des neu-testamentlichen Kanons aus, mit diesen Mitteln bildet manaus den dürftigen tatsächlichen Angaben der Originalprotokolleüber die Märtyrerprozesse, aus den auf Grund solcher Proto-kolle treu verfaßten Akten und Passionen die frei erweiterteund phantastisch gefärbte Märtyrernovelle, und ebenso dienovellistische Heiligenlegende.

Die Hagiographie durchläuft dieselben Phasen wie die alteHistoriographie: vom trockenen Bericht der Tatsachen zurphantastischen Fabelei.

Die Romantik, das Wunder- und Zauberwesen, der senti-mentale weichliche Charakter, das sinnlos blinde Walten desZufalls in den immer aufs neue sich verschlingenden Aben-teuern teilt die Legende mit dem griechischen Roman. Hierwie dort kehren Trennung und Widerfinden von Familien-mitgliedern, Schiffbruch, Räuber, besonders Piraten, Kindes-aussetzung, Verkauf in die Sklaverei, Traum, Orakel, Scheintod,Magie, Verfolgung durch Dämonen oder Teufel, durch begehr-liche Liebhaber als Motive wieder. Unter den erlebten Aben-teuern stehen voran die Gefahren in wunderbaren fernenLändern durch fabelhafte Völker, Tiere und Pflanzen, aberauch die Herrlichkeiten paradiesischer Gegenden mit zauber-haften Gärten, Palästen, Kunstwerken, ewig grünenden Hainen,zauberhaft schönen Frauen.

Die bekannteste derartige Umsetzung des antiken Familien-und Abenteuerromans enthalten die Pseudo-ClementinischenHomilien und Rekognitionen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.Die Icherzählung des Clemens, eines zum Christentum bekehrtenRömers, von seiner Begleitung des Petrus bei Verfolgung desMagiers Simon, von den Disputationen zwischen diesen beiden istdurchsetzt mit einer Geschichte von dem Verlieren und Wieder-auffinden seiner eignen Familienmitglieder.

Selbst erotische Bestandteile des hellenistischen Romanskonnten mit leisen Änderungen übernommen werden. Esbrauchte bloß nach Darstellung der erotischen Details die Szenemit dem Widerstand des Heiligen gegen die Verführung ge-