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Literatur und Kunst des Mittelalters
in christlichen Formen auf dem Gebiete der Stoffe, der Motive,des Stils zu erforschen. Hier ist denn auch schon von mehrerengermanistischen Forschern, wie Horstmann, Schönbach, Ed-ward Schroeder und andern, ein erfolgreicher Anfang gemachtworden. Den Ertrag ihrer zerstreuten Arbeiten dankbar nutzend,möchte ich sie nach Kräften durch eigene Beobachtungenund Nachweise in weiterem Rahmen fortzuführen und demGesamtbild der Vor- und Entstehungsgeschichte des mittel-alterlichen Romans einzufügen suchen.
Althebräische Konzeption lebte in den apokalyptischenReden Christi (Matth. 24, 25; Mark. 13; Luk. 21), in den Vi-sionen des Ezechiel und in Daniels Traumgesicht von denvier Weltreichen und der Aufrichtung des Messianischen Reichs,in der Apokalypse des Johannes, in den alttestamentlichenApokryphen (Buch Henoch, 4. Buch Esra.). Hellenische Phan-tasiebilder griechisch-orientalischen Ursprungs erscheinen inden apokryphen Evangelien und Apostelgeschichten, vor allemin dem weithin verbreiteten gnostischen Descensus ad inferos, derspäter den Acta Pilati angehängt ward und mit diesen zusammenden Namen Evangelium Nicodemi führt, in den Legenden.Hellenisierte eschatologische Elemente gemischter Art wirkenin den durch verschiedene Kanäle dem Mittelalter zufließendensibyllinischen Weissagungen teils genuin hebräischen Ursprungs,teils christlich überarbeitet, teils unchristlich.
Es ist bekannt, daß die christlichen Apokryphen undLegenden in ihren Motiven, in ihrer Komposition, in derCharakteristik der Personen, in der Darstellung nach demVorbild des antiken, also des griechischen Romans sichentwickelten.
Der hellenistische Roman, hervorgegangen aus einemZusammenwachsen von alten Schiffermärchen, Poesie undfabulierender Geschichtschreibung, ethnographischer und zoolo-gischer Wundererzählungen, teratologischer Briefliteratur, auf-schneiderischer Reisegeschichten, neuplatonischer und neu-pythagoreischer Zauberromantik, literaturgeschichtlich-biogra-phischer Legende, philosophischer Utopien, der erotischenmythologischen oder frei erfundenen Novelle ist durch dieRhetorik der jüngeren Sophisten der Kaiserzeit in jene typischeForm gegossen worden, die unmittelbar auf das Mittelaltersich vererbte.