Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 107
Legenden von dem britischen Anachoreten, dem heiligenGuthlac, vom Apostel Andreas, die allegorische Erzählungvom Vogel Phoenix zeigen das, und nicht minder das Traum-gesicht vom redenden blutenden Kreuz Christi sowie die Versi-fikation des Physiologus, einer allegorisch-mystischen Aus-deutung antiker und orientalischer zoologischer Fabeln, endlichdas Gedicht von der Höllenfahrt Christi und die jüngere Genesis.
Aus den christlichen lateinischen Hymnen auf Christus,die Apostel und die Heiligen, die auch reichen episch-historischenStoff enthielten, nahm der christliche Epiker der Landes-sprache lyrische Klänge, die das schon der alten nationalenenglischen Epik nicht fremde lyrische Element verstärken,aber auch bei Otfrid noch nachhallen.
Das Verhältnis des Dichters zum Stoff wird jetzt eintotal anderes. Subjektive Elemente, Reflexion, Paränesebrechen stark hervor.
Nach oben wies die neue Religion, wies die junge Kircheden Menschen. Nichts bewegt die ersten Jahrhunderte dergermanischen Christianisierung so wie die Frage nach demJenseits, nach der Zukunft der Seele: „die Reise in das unbe-kannte Land", wie Kynewulf sagt im Epilog zu seiner'Elene'.Und indem das christliche Epos von dem Überirdischen, demUnfaßbaren und Unschaubaren erzählen sollte, erregte nichtsmächtiger, tiefer, leidenschaftlicher das Jnnerste der Gemüterals die Vorstellung von Paradies und Himmel, Unterweltund Hölle.
Hier drang nun eine alte angehäufte Masse märchenhafterund mythischer Motive und Gestalten in die christianisiertePhantasie der germanischen Stämme ein.
Das Christentum war auf altem vielschichtigem Kultur-boden groß geworden. In den gewaltigen Städten der antiken"Welt hatte es sich aus dem lokalen Kultus zur Weltreligionentwickelt. Diese antike Rildung, indem sie überwunden,indem sie assimiliert, umgestaltet wurde, konnte doch niemalszerstört, niemals ausgelöscht werden.
Die Untersuchung des Übergangs heidnischer antikerGötterfeste und Riten in den christlichen Heiligenkult und diekirchliche Liturgie hat nach Useners Reispiel schöne Früchtegebracht. Aber noch reichere Lorbeeren verheißt das Remühen,die künstlerische und literarische Fortentwicklung des Altertums
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