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1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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Die Entstehung des mittelalterlichen Romans 103

In diesem besaß sie, wie ein hervorragender moderner Romanistes bezeichnend genannt hat, den versus litterarius. Unddiese neue Gattung des Romans schöpft ihren Stoff nichtaus der gebundenen nationalen Überlieferung. In ihr spieltdie Erfindung, die Freiheit des Dichters seiner Fabel gegen-über eine bedeutende Rolle.

Das Rolandslied, die Epen von Wilhelm von Orange sindnach diesem Sprachgebrauch kein Roman, weil sie zwar dieForm des Einzelliedes eines Jongleurs nicht mehr haben,sondern durch epische Zusammendichtung von Rhapsodienentstanden sind, aber ihrem Stoff, ihrer Versart, ihrer Vor-tragsart nach den Chansons de geste zugehören.

Der erste mittelalterliche Roman in einer Nationalspracheist das französische Alexandergedicht des Alberich von Briancon:seine Form ist zwar schon der versus litterarius, d. h. der vier-füßige Vers, aber dieser ist noch nach Art der Chansons degeste in Tiraden gruppiert, nicht gepaart.

Die Sphären der nationalen epischen Erzählung und derneuen kunstmäßigen epischen Erdichtung, die man in Frank-reich im 12. Jahrhundert Romanz nannte, sind hinsichtlichder äußeren Form durch keinen unüberbrückbaren Raum ge-schieden. Von der einen zur andern führen hin und her Pfadeder Berührung. Und dasselbe lehrt auch die Untersuchungihres Stils und ihres Stoffs. Seit dem 13. Jahrhundert nimmtdie Näherung und Vermischung der beiden epischen Gattungensehr zu und in England besteht sie von Anfang an.

Aber immerhin zeigen die zuerst 'Roman' genanntenfranzösischen Epen des 12. Jahrhunderts einen bestimmtenliterarischen Typus. Diesen Typus bewahren die nieder-ländischen und deutschen Nachbildungen. Das Nibelungenlied,die Gudrun entspricht bei uns den französischen Chansonsde geste, die Epen Hartmanns von Aue, Gottfrieds von Straß-burg, Wolframs von Eschenbach dagegen sind 'Romane'.

Der ihnen und ihren französischen Originalen gemein-same Typus, den wir den mittelalterlichen Roman nennenkönnen, war in viel höherem Grade international als der Typusdes modernen Romans. Denn trotz den unendlich geringerenMitteln des Verkehrs besaß das Mittelalter eine universellereeinheitlichere geistige Kultur als die Neuzeit mit ihren Eisen-bahnen und Telegraphen. Sie besaß eine die gesamte euro-

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