98
Literatur und Kunst des Mittelalters
Mann und Frau als Abbild faßt des Verhältnisses zwischen Christusund der Kirche, wenn er die Frau des Mannes Leib, die Kirche den LeibChristi nennt und erklärt, die Kirche und ihre Mitglieder seien Gliederdes Leibes Christi, Bestandteile seines Leibes und seiner Gebeine (Ephes.5, 22-33) .
Die Apokalypse endlich vereinigt die alttestamentliche und diefrühchristliche Braut-Symbolik in der Hochzeit des Lammes (Apocal.19, 7ff.), als der Vermählung Christi mit dem wie eine geschmückteBraut herabkommenden neuen Jerusalem (21, 2. 9), aber auch alsbräutlichem Bund des heiligen Geistes und der Kirche (22, 17: Spirituset sponsa).
Eine messianische Deutung des Canticum canticorum selbst ist aller-dings weder in den Evangelien noch in den übrigen Schriften des NeuenTestaments bei unbefangener Betrachtung erkennbar, am wenigstenin der zweimaligen Bezugnahme der Beden Jesu auf Salomo (Matth. 6,29; 12, 42): sie zeigt Christi, des Menschensohns, Lehren und Wirkennicht als Erfüllung der Herrlichkeit und Weisheit Salomos, sondernstellt es teils gerade in Gegensatz dazu, teils erhebt sie es mit jenem'hier ist mehr als Salomo' über die Leistungen des jüdischen Königs.
Allein die typologische Deutung, die Personen und Ereignisse desAlten Testaments als Vorstufen und Vorbilder für Wort und TatenChristi ansah, setzte früh ein und übertrug die aus der rabbinischenSchriftgelehrsamkeit überkommene allegorische Erklärung des Hohen-liedes auf die neue christliche Umprägung des alttestamentlichen Braut-schaftsbildes: nun tritt an die Stelle der Ehe zwischen Jehovah undIsrael der Liebesbund zwischen Christus und seiner Kirche. Eines derfrühesten Zeugnisse für diesen Umwertungsprozeß der alten jüdischenAllegorese des Hohenliedes im christlichen Sinn bietet die in Domitiansletzter Zeit von einem rabbinisch geschulten Juden verfaßte Apokalypsedes Esra, die als sogenanntes 4. Buch Esra mit christlichen ZusätzenEingang fand in den christlichen Schriftenkreis und lateinisch übersetztder mittelalterlichen Vulgatabibel angehängt ward. Hier heißt es vonGott mit Beziehung auf sein auserwähltes Volk Israel, er habe aus allenBlumen des Erdkreises sich die eine Lilie erkoren, aus allen (von ihm)erschaffenen Vögeln die eine Taube (5, 23. 26). Das weist zurück aufCant. 1,14; 2, 2. 10.14; 5, 2; 6, 8, wo die Geliebte als lilium und wieder-holt als columba gepriesen wird. Und der Sinn dieser Bilder setzt voraus,daß in ihnen ein fester traditioneller Gebrauch mitklingt, dem sie alsfigürlicher Ausdruck für das Verhältnis Jehovahs zu Israel galten. Hieraber taucht dann auch das apokalyptisch-messianische Brautbild auf(7,26 f.): am Ende der Tage wird die sponsa erscheinen und das verborgeneLand (das Paradies, das Neue Jerusalem) sichtbar werden, in demvierhundert Jahre der Gottsohn Christus herrschen und dann sterbenwird.
6. Zu S. 66 Anm. 2. Die Synagoge neben der Ecclesia bezeichnetfür Williram nicht den Gegensatz von Judentum und Christentum,sondern das Judentum als Mutterschoß und ältere Gestalt des Christen-tums (137, 5f. Seemüller S. 62: primitiua Ecclesia . . . mater ecclesiarum) ,