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Literatur und Kunst des Mittelalters
persischer oder kleinasiatischer Liebesgeschichten bei griechischen, zu-mal Alexandrinischen Historikern und Dichtern vgl. Erwin Rohde,Der griechische Roman und seine Vorläufer, Leipzig, Breitkopf u. Härtel1876, S. 38 — 55. Wichtig scheint mir vor allem: in diesen Liebesge-schichten, die alle mehr oder weniger ein romantisches Gepräge haben,spielt neben dem durchgehenden Hauptmotiv der elementaren, unwiderstehlichen Macht der Liebe meistens ein Standesgegensatz und dieGegenüberstellung von Hofglanz und bürgerlicher oder ländlicher Ein-fachheit eine wichtige Rolle: alles Züge, die der hellenistischen Bukolikund ebenso dem Hohenliede eignen. Wenn Cant. cant. 6, 4 Thirza nochvor Jerusalem als schönste Stadt nennt, so ist daraus schwerlich mitEduard Reuß (Die Geschichte der heiligen Schriften Alten Testaments 2 ,Braunschweig C. H. Schwetschke u. Sohn 1890, § 192 S. 239) zu folgern,daß sie bei Abfassung dieser Stelle wirklich noch die Hauptstadt Sama-rias gewesen ist, was nur bis um 900 v. Chr. der Fall war, und daß daherdas Hohelied vor diesem Zeitpunkte entstanden sein müsse. Natürlichbraucht man, auch wenn das Gedicht erst dem jüdischen HellenismusAlexandrias seinen Ursprung dankt, nicht zu leugnen, daß darin alte,volkstümliche Motive ägytisch-palästinischer Erotik und Hochzeits-poesie oder Hochzeitssitte benutzt sind. Das chronologische Problemkann nur auf Grund sprachlicher Gründe entschieden werden, und diesesprechen nach dem maßgebenden Urteil der Kenner für die Spätzeitder hebräischen Literatur.
4. Zu Seite 62, Anm. 1 3. Mir ist an der von Wetzstein vertretenenAuffassung des Hohenliedes sehr anstößig und unglaublich, daß dieheutigen volkstümlichen Hochzeitsbräuche in Syrien, sie mögenimmerhin Jahrhunderte alt sein, ohne weiteres als Quelle für die poe-tische Konzeption des jüdischen hellenistischen Kunstdichters in Alexan-dria angesehen werden. Nach allen sonstigen Erfahrungen liegt es vielnäher, den gegenwärtigen Hochzeitsbrauch mit seiner Salomo-Maskeradeals eine aus literarischer Erfindung und Tradition höherer, vielleichthöfischer Kreise ins Volk herabgesunkene allegorische Panegyrik zubetrachten. Bekanntlich sind die auffallendsten Volkstrachten undVolkssitten oft (nicht immer) verkümmerte Reste oder auch treu be-wahrte Nachbilder einstiger Schöpfungen und Traditionen der höherenStände und der sie führenden hervorragenden Geister.
5. Zu Seite 64, Anm. 2. Den prophetischen Büchern des AltenTestaments und den Psalmen war die Vorstellung des VerhältnissesJehovahs zu seinem auserwählten Volk Israel und zu dessen heiligerHauptstadt Jerusalem als einer Ehe geläufig. Man vergleiche Osea2,19f.;Ezech.l6,8-14; Isaia54, 4-8; 62,4-12; Jeremia2, 2; 3,1-13;insbesondere aber den Psalm 44 (der Vulgata; Luther 45), das canticumpro dileclo: ein Hochzeitssang mit Prädikaten des Bräutigams, der schonvon rabbinischer Interpretation auf den Messias bezogen worden warund von der christlichen Kirche dann immer so verstanden wurde. Zu-sammen mit dem 71. (72.) Psalm (Psalmus in Salomonem), dem Hymnusauf den gerechten König, dem Gott seine Gerechtigkeit verleihen soll,der die Armen schützt und rettet, dessen Name bestehen wird mit Sonne