Nachleben des griechisch-römischen Altertums 91
werken gerichtet haben 1 ). So kommt man schwerlich um dieAnnahme herum, daß in der Beschreibung des Bildes der Frauzwischen den zwei Liebhabern ein wirklich von der gleich-zeitigen bildenden Kunst gestaltetes Motiv benutzt wordenist. Erwägt man dann den offenkundigen starken Einflußder griechischen Dichtung auf die griechische Kunst 2 ), so wirdman Umschau halten, aus welcher literarischen Sphäre wohlein Genrebild gleich dem der Frau zwischen zwei von ihr durchunaufrichtige Liebeszeichen getäuschten Liebhabern, wie esaus Theokrits Beschreibung und der völlig bildhaften Ver-sinnlichung des homo apostata, vir inutilis in den Proverbienzu erschließen ist, stammen könnte. Gehört doch diese Stelledes Pseudo-Salomonischen Spruchbuchs zu dem ersten Teilder Sammlung, die nach der Ansicht der hervorragendstenalttestamentlichen Kritiker das jüngste Alter besitzt 3 ). Dader Geist dieses 'Maschais' auch sonst an die griechischenMoral-philosophen gemahnt, wie besonders Vatke hervorgehoben hat,so gewinnt die Vermutung, es sei unter hellenistischem Einflußin Alexandria entstanden, hohe Wahrscheinlichkeit durch dieÜbereinstimmung mit der Bildbeschreibung Theokrits, dessenerste Idylle gleichfalls ohne Frage Alexandrinischen Ursprungsist 4 ). Und auch die längst erkannten Ähnlichkeiten zwischenTheokrits Idyllen und dem Hohenlied verdienen für dessenDatierung ernsthaftere Beachtung, als ihnen seitens der Theo-logen meist geschenkt wird (s. oben S. 60 und Exkurs 3).
Liegt der Szene des Theokritischen Becherreliefs und derin den Proverbien vergleichsweise auf den vir inutilis über-
x ) R. Gaedechens, Der Becher des Ziegenhirten bei Theokrit,Programm zum 100. Jahrestag des Todes Winckelmanns, Jena 1868,S. 10; Brunn, Die griech. Bukoliker und die bildende Kunst, Sitzb.d. Kgl. Bayer. Akad. d. W. Philos.-philolog. Klasse 1879, II S. lff.
2 ) H. Luckenbach, Fleckeisens Jahrbücher 11. Supplement-band (1880), S. 493f. (Verhältnis der griech. Vasenmalerei zum epischenCyclus); W. Heibig, Untersuchungen über die kampanische Wand-malerei, Leipzig 1873, S. 226if.; Carl Robert, Bild und Lied,Berlin 1881.
3 ) Bleek-Camphausen, Einleitung in das Alte Testament,4. Aufl. bearb. von Wellhausen, Berlin 1878, S. 516f., 519; Vatke,Histor. krit. Einleitung in das Alte Testament, hrsg. von Preiß, Bonn1886, S. 560, 563; Ed. Reuß, Geschichte der heiligen Schriften AltenTestaments. 2. Ausg. Braunschweig 1890. S. 518-521.
4 ) Vgl. V. 24Aißva&e; 115 düeg, die es in Sicilien nicht gibt.
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