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1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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Nachleben des griechisch-römischen Altertums 89

bis 1270). Keinerlei Schilderung also typischer Situationen oderHandlungen untreuer, täuschender Liebe.

Wie also, muß man hier doch fragen, ist der Maler,der sonst peinlich den Worten des Dichters folgt, gerade hierdarauf gekommen, unabhängig von ihm jene typischen Szenenvorzuführen? Wackernagel vermutete für alle drei mittel-alterliche Darstellungen, die malerische und die beiden dichte-rischen, eine gemeinsame Quelle und fand diese in der Isidor-stelle. Als ältesten Beleg für das antike Motiv zog er dann dieBeschreibung des Bildwerks eines holzgeschnitzten großenTrinkgefäßes (Mischkrugs) heran in der ersten Idylle des Theo-krit (V. 32.38): eine schöne Frau, wie ein Göttergebilde, stehtzwischen zwei Männern, die gegen einander streiten im Wett-kampf mit Worten, sie aber bleibt in ihrem Herzen ungerührt,jetzt blickt sie lächelnd zu dem einen, bald aber wendet sie denSinn auf den andern, die beiden jedoch, vor Liebe lange das Augevorschwellend mit brennendem Blick, mühn sich um sie ver-geblich. Die Szene, die hier abgebildet sein soll, berührt sichdoch nur teilweise mit dem Motiv, um das es sich handelt: ihrist allerdings mit der von der Troubadour-Tenzone berichtetenSituation der leidenschaftliche Wettbewerb der Liebhaber umdie Gunst einer Frau gemein, aber das Verhalten der Umworbenenist nur angedeutet, wir erkennen nicht, ob sie nur als spröde undunnahbar oder als berechnend, gefallsüchtig, falsch und treulosgedacht ist. Nach Analogie der Parallelen ist das zweite wahr-scheinlich.

Wackernagel hat keinen Versuch gemacht, den Weg, aufdem das antike Motiv sich verbreitete, und die Art und Weiseseines Fortlebens, seiner Umgestaltung schärfer zu erfassen.Und doch ist es möglich. Man muß zunächst fragen: Schloßder Illustrator des Welschen Gastes, als er jenes Motiv einführte,ohne im Gedicht den geringsten Anhalt dafür zu finden, sichetwa an andere bildliche Darstellungen an? Oder hat er, wasWackernagel zu glauben scheint, nach einer literarischen Vor-lage gearbeitet?

Zunächst muß man hervorheben, was Wackernagel unbe-achtet gelassen hat, daß das Motiv dem Illustrator des WelschenGastes jedenfalls nicht allein aus literarischen Quellen zuge-flossen ist. Es trägt seinem Wesen nach die Züge einer bild-haften Eingebung. Und wenn es uns der Schnitzbecher der

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