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Literatur und Kunst des Mittelalters
I
Allegorien verfolgt 1 ). Daß ihre Quelle im klassischen Altertum,im Rad der Fortuna und im Lebensrad zu suchen sei, unterliegtkeinem Zweifel. Auch Jacob Grimm, der auf das Rad dergriechischen Tyche und Nemesis hinweist und Relege ausrömischen Schriftstellern (bis auf Roethius herab für die Rotavon Fors und Fortuna) zusammenträgt, hat in diesem Fall diefremde Herkunft richtig gesehen. Aber ob der Ursprung derVorstellung in der Poesie, wie Springer meinte, oder in derbildnerischen Phantasie und Kunst liege, wage ich nicht zuentscheiden.
Zweifelhaft bleibt vorläufig auch die Geschichte des Motivsvom Leviathan am Angel. Zuerst in der patristischenLiteratur hervortretend aus der mystischen Deutung von Hiob40, 20f. auf das Wunder der Menschwerdung Gottes, durch dieder Teufel gefangen wurde wie durch eine Angel und ihrenHaken, und so z. R. bei Hieronymus und Gregor dem Großenverwertet, begegnet es dann in der geistlichen deutschen Dich-tung des 11. und 12. Jahrhunderts (Ezzos Lied; FriedbergerChrist und Antichrist; Melker Marienlied) 2 ), ist aber erst späterin bildlichen Darstellungen nachgewiesen. Im 'Hortus deliciarum'der Herrad von Landsberg 8 ) sieht man Gott-Christus einenlangen Angelstock halten, an dem von einer Schnur in sechs
x ) Jac. Grimm, Deutsche Mythologie 2 (1844), Kap. XXVIIIS. 825ff. ( 4 S. 722ff.), mit reichen Belegen für des gelückes oder derSaelden schibe aus mhd. Dichtern; Wilh. Wackernagel, Das Glücks-rad und die Kugel des Glücks, Zeitschrift für deutsches Altertum, Bd. 6(1848), S. 134-149 (= Kleinere Schriften, Bd. 1 S. 240-257);G. Heider, Das Glücksrad und seine Anwendung in der christl. Kunst,Mitteilungen der k. k. Zentralkommission f. Erforschg. u. Erhaltg. derBaudenkmäler, Jahrg. 4 (1859), S. 122ff.: Anton Springer, Ikono-graphische Studien, ebd. Jahrg. 5 (1860), S. 126; Otte, Handbuch d.kirchl. Kunstarchäologie 8 , Bd. 1 (1883), S. 502f.; Karl Weinhold,Glücksrad und Lebensrad, Abhandlungen der Berliner Akad. d.Wissensch. 1892; Drexler, Fortuna, Roschers Lexikon d. griech. u.röm. Mythologie, I. Bd. 2. Abt. (Leipzig 1890), Sp. 1503ff. (Belege fürdie rota Fortunae aus römischen Autoren, Sp. 1506f.).
2 ) Vgl. Diemer, Deutsche Gedichte des 11. und 12. Jahrhunderts,Wien 1849, S. 97, 5 — 15 und Anmerkungen S. 37; Müllenhoff-Scherer,Denkmäler 8 i, Nr. XXI S. 91, Nr. 27, 1-4; II S. 180.
8 ) Ausgabe von Straub-Keller, Lieferung 3 (1882), Planche XXIV.Text S. 19 mit Nachweisen aus Hieronymus, Gregor, Odo von Cluny.Vgl. auch Kreuzbesteigungsminiatur, Lieferung 5—6 (1894), PlancheXXXVIII (obere Hälfte), Text S. 29.