Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
78
Einzelbild herunterladen
 

78

Literatur und Kunst des Mittelalters

in handelnde Bewegung zu setzen. Seit dem 14. Jahrhundertwird die historische Darstellung symbolischer Gedanken in derKunst immer häufiger, das Ausmalen der Szene immer stärker:der Zug zum Drama betätigt sich auf dem Gebiet allego-rischer Kunst.

Zwischen diesen Wandlungen der bildenden Kunst und derEntwicklung der deutschen Dichtung besteht unverkennbar einZusammenhang. Aber die Fäden dieser Verbindung im Ein-zelnen aufzudecken, mag noch langer Forschung bedürfen.

Die Beschreibung des Graltempels 1 ) im jüngeren Titurelwäre nicht möglich gewesen ohne die Anlehnung an die wirklichexistierenden Vorbilder der Architektur. In Bruns von Schone-beck poetischer Bearbeitung des Hohenlieds von 1276 sindvier allegorische Bildergedichte eingeschoben, welche offen-bar die erklärende Beschreibung zu den Miniaturen einer Hand-schrift geben. Diese zugrunde liegende illustrierte Handschriftenthielt außer dem Werk Bruns vielleicht Konrads von Würz-burgs 'Goldene Schmiede': jenen poetischen Thesaurus christ-licher Symbolik, der aus dem traditionellen, von der bildendenKunst popularisierten Vorrat schöpfte und wiederum zu er-läuterndem Bilderschmuck anregen mußte 2 ).

Hadamars Jagdallegorie überträgt die christliche Ikono-graphie auf weltliches Gebiet. Schon im 12. Jahrhundert warenJagdszenen ein beliebtes Motiv für Gemälde und Beliefs: mandeutet sie auf die Bekehrung der Sünder, die gejagten Tiere aufdie einzelnen Sünden, die Jagdhunde auf die Bußpredigten,die aufgestellten Netze auf Glauben und Gottesverehrung. Auchdiese Symbolik ist in dem 'Hortus deliciarum' durch gewisse

x ) Vgl. Sulpiz, Boisseree, Über die Beschreibung des Tempelsdes heiligen Grales. Philos.-philolog. Abhandlungen der Kgl. bayerischenAkad. d. Wissensch. 1. Bd., 1834, S. 307-392; Ernst Droysen,Der Tempel des heiligen Gral, Beilage zum Osterprogramm 1871 desGymnasiums zu Krotoschin; Fr. Zarncke, Der Graltempel, Abhand-lungen d. phil.-hist. Klasse d. Kgl. sächsichen Gesellsch. d. Wissensch.Bd. 7, Leipzig 1876; Heinrich Otte, Handbuch der kirchlichenKunstarchäologie des deutschen Mittelalters 5 Bd. 2 (1885), RegisterS. 778 s. v. Graltempel.

2 ) Vgl. Arwed Fischers Teilausgabe, Breslau 1886, S. 12, voll-ständige Ausgabe, Tübingen 1893, Bibliothek d. Stuttg. Lit. Vereins 198,S. IX f., XXIIIf.