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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

dann freilich der ursprüngliche Gedanke der geistlichen Aus-legung, daß Salomo mit seiner Liebe die göttliche Weisheitumfaßte, in sein Gegenteil verkehrt. Salomo, der Weiseste allerKönige, wird durch die irdische Liebe verblendet, zum Toren.Daß dies der Inhalt von Veldekes uns verlorenem Salomo-Gedichtgewesen sein muß, scheint eine Minneliedstrophe Veldekes überjeden Zweifel zu erheben (Minnes. Frühl. 66, 1623). Dahat er offenbar Elemente der jüdisch-islamischen Salomo-Sageverwertet, die aus dem biblischen Bericht (III. Reg. [= Luther1. Kön.] Kap. 11) herausgesponnen sind. Dies aber ist mir inhohem Maße wahrscheinlich, daß Veldeke den Keim der An-regung zu seinem Salomo-Gedicht von einem Bildwerk empfing,das den zum Typus der königlichen Herrlichkeit gewordenenSohn Davids in jener bedeutungsreichen und viel gedeutetenSituation vor Augen stellte, wie er im Bette ruht, umleuchtetvon dem Licht der Minne.

VII.

Besonders innig scheint mir der Zusammenhang mit dendurch die bildende^ Kunst festgesetzten Allegorien in der deut-schen Spruchdichtung der fahrenden Meister des 13. Jahrhundertssich zu bewähren. Für Reinmars von Zweter Bild vom idealenManne, das seinerseits Huttens Vir bonus mittelbar veranlaßthat, weist Roethe (Die Gedichte Reinmars v. Zweter, S. 233,Anm. 293) mit Recht auf die beliebten Monstra der mittel-alterlichen Kunst als die indirekten Quellen hin.

Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts gewinnt nun aber dieAllegorie in der deutschen Dichtung als Kunstmittel eine unge-heure Verbreitung, und zwar in dreifacher Weise: 1. sie ersticktdie poetische Handlung, sie wird jetzt sozusagen selbst in Szenegesetzt, sie verwandelt sich in epische Erzählung. Die Allegoriedrängt sich in den ritterlichen Roman ein und bläht die Fabelins Endlose: der jüngere Titurel, Lohengrin. 2. Aber sie trittauch, wie schon in früherer Zeit, ohne epischen Rahmen selb-ständig auf in mystisch betrachtenden Gedichten, nimmt dannjedoch jetzt gern dramatischen Charakter an und leitet sounmerklich über in die Moralitäten des 14. u. 15. Jahrhunderts:die Gedichte über die 'Tochter Syon' von einem Anonymus undüber die 'sieben Gnaden' von Lamprecht von Regensburg; dieSchar der Gespräche zwischen Gott (Christus) und der minnenden