Nachleben des griechisch-römischen Altertums 75
auf einer blauen, weiß durchmusterten Unterlage, die breite,gestickte Streifen durchziehen; sein Haupt, mit der Königskronebedeckt, auf einem gestickten Purpurkissen. Über das Unterteildes Bettgestells hängt ein Purpurteppich, davor steht eine Fuß-bank von Gold, überzogen mit einem dunkelblauen Stoff. Überdem Bett ist ein geraffter blauer Vorhang an Haken hochgehalten.An einem derselben hängt als Nachtlampe eine Ampel, in deroffen eine helle Flamme brennt. Aber die gelehrte Äbtissin, diezwar neben andern theologischen Schriftstellern auch Rupertvon Deutz gelesen und benutzt hat, gibt gerade diesem Bild dieDeutung im Sinne der streng dogmatischen Tradition: 'KönigSalomo ruht auf seinem Lager, das heißt in der Kirche,' undfügt zu der über ihm brennenden Ampel die Inschrift: 'Diebrennende Leuchte bedeutet das ewige Licht'. Salomo erscheinthier also wie gewöhnlich als Christus, er ruht im Schoß derKirche und nicht, wie in den etwas jüngeren Bilddarstellungenauf dem Thron, im Schoß seiner Mutter Maria 1 ).
Jedesfalls in der Phantasie der Gelehrten und literarischGebildeten wie des Volkes war für den alttestamentlichen Königdiese Situation typisch. Sie war es geworden durch die bild-lichen Darstellungen, die ihrerseits auf der mystisch-allegorischenAuslegung des 'Canticum canticorum' fußend (nicht, wie ReinholdKöhler meinte, auf 1. Kön. 11, 1 ff.)» das hergebrachte Motivbetrachteten mit den Augen der christlichen Symbolik. Aberder Herold der neuen höfischen Lebensanschauung und Dichtung,der geistliche Bildung besaß (s. Martin, Anzeiger für deutschesAltertum I 223), gab dem mystischen, durch Rupert von Deutzund verwandte Geister ins Persönliche und Kosmische subli-mierten Motiv eine weltliche Wendung: ihm war die laternaardens aus der himmlischen Caritas zur beglückenden, aber auchpeinigenden dämonischen Frau Minne geworden, zur höfisch-ritterlichen neuen irdischen und doch idealen Liebe; nach denWorten unseres Berichterstatters zur Venus, die ihn aufweckteund mit ihrem Bogen in sein Herz schoß, also daß sie ihn, denWeisen, witze laere machte und daß ihn bis an sein Ende Liebes-schmerz drückte (s. Haupt zu Minnes. Frühl. 66, 23). Hier war
*) Ausgabe von Straub-Keller, Lieferung 7, Straßburg 1895, S. 40,Planche LIII. Die Miniatur befand sich in der 1870 verbrannten Hand-schrift auf Blatt 204 verso, die Erklärung folgte Bl. 205 recto.