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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

VI.

Aus dieser neuen Einstellung der mystischen Deutung desHohenliedes, aus dieser säkularisierten und kosmischen Fassungder Gottesminne ist, glaube ich, auch das Gedicht geflossen,in dem der Bahnbrecher der weltlichen deutschen Liebespoesiedes höfischen Minnedienstes und des idealen Frauenkults,der Dichter des epochemachenden deutschen Liebesromans vonAeneas, Heinrich von Veldeke, Salomo von seinem Bette dieMinne anrufend darstellt. Aber die Wahl dieser Situation zumdichterischen Vorwurf war erleichtert, sie erscheint uns jedes-falls psychologisch begreiflicher, wenn dafür nicht unmittelbarund nicht allein theologische Spekulation eines Rupert vonDeutz oder ihm verwandter Interpreten des Hohenliedes dieAnregung gegeben hat, sondern ein auf die Phantasie durch dasAuge wirkender Eindruck bildender Kunst. Jenes Salomo-Bettist nun in der Tat von der mittelalterlichen Kunst der religiösenAnschauung eingeprägt worden. In Wandgemälden, Portal-skulpturen, Miniaturen stand es vor aller Augen: zusammen-fließend mit dem uralten Phantasiebild von Salomos Thron undallegorisch umgedeutet auf Maria, die Christus auf dem Schoßhält 1 ). Hier ist also für die kosmisch-säkulare Minnemystikund den religiösen Frauenkult Ruperts von Deutz die visuelleVoraussetzung geboten. Man sieht die Jungfrau Maria alsTron und Schoß der Gottheit und kann sie mit den GedankenRuperts und der ihm Gleichgestimmten als Urtypus des lieben-den und zeugenden Weibes betrachten. Leider kann ich bishervon keinem dieser Kunstwerke nachweisen, daß es älter alsVeldekes Gedicht ist.

Wir haben freilich im 'Hortus deliciarum' der elsässischenÄbtissin Herrad von Landsberg ein Miniaturgemälde des aufseinem prächtigen Bette ruhenden Königs Salomo, das 1175 oderfrüher entstanden ist, also bezeugt, daß schon zu Veldekes Zeitdie bildende Kunst sich das Motiv angeeignet hat. Salomo ruhtdort in einem prächtig geformten, reich geschmückten Prunk-bett. Er ist von den Schultern bis zu den Füßen bedeckt miteiner roten, goldumrandeten pelzgefütterten Decke und liegt

*) Vgl. die Nachweise von Ferdinand Piper, Zahns Jahrb.f. Kunstwissensch., V 97 und Heinrich Otte, Handbuch der kirchl.Kunst 6 (1883) 1, S. 509f. Anm. 3.