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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

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und seine zwei Hoheliedkommentare, die Expositio in canticacanticorum und die darin am Schluß als Sigillum S. Mariaezitierte rein mariologische Deutung, rücken ihn nahe an dieGedankengänge Ruperts heran. Gleich diesem hat auch er sichbei seiner Auslegung des Hochzeitssangs von Salomo undSulamith mehrfach in den Spuren rabbinischer Schultraditionbewegt 1 ).

Rupert selbst war offenbar hingerissen von dem magischenTiefsinn, der die Schöpfung des hellenistischen Rabbinismus,die Personifikation und Hypostasierung der göttlichen 'Weisheit'und ihre Fortbildung in der altchristlichen Mystik umspielt.In einer seiner Streitschriften gegen die Dialektiker von Laonund Chalons schrieb er, um sich wider ihre Angriffe zu ver-teidigen:Aber ich sah die Weisheit Gottes, ich sah gewisser-maßen Christum, den menschgewordenen Gottessohn, ganzgolden, der Leib aus feinstem Golde gebildet und von ihm auslebendige Wasser auf mich strömend, durch Röhren aus diesemLeibe sich ergießend. 'Ich bin', sprach diese Erscheinung, 'dieWeisheit und Liebe; die mich lieben, und welche frühe wachenzu mir, werden mich finden. Ich bin wie der Strom Dorixund wie die Wasser aus dem Paradiese und werde meinen Gartentränken'. Vielen mag dies töricht und kindisch erscheinen, aberdie Weisheit küßte mich mit goldnem Munde, wie sie ver-schwiegen ihren Freunden nahe ist 2 )." Aus alter jüdisch-helle-nistischer und frühchristlicher mythisierender Parabolik quillthier, wie man sieht, die Anregung der religiösen Phantasie zueiner poetischen und malerischen selbständigen Konzeption.

Schon die Zeitgenossen haben das Neue, Eigenartige dieserGedankengänge empfunden und teilweise daran Anstoß ge-nommen. So warf Norbert, der Gründer des Prämonstratenser-ordens, der selbst als Mönch in Siegburg Rupert kennen gelernt

*) Vgl. Migne Patrologia Latina, Bd. 172 S. 357, 358, 494CD.Rabbinischer Herkunft ist z. B. die phantastische Deutung der Mandra-gorae (Cant. 7, 13; vgl. Gen. 30, 14-18).

2 ) Rocholl, a. a. O., S. 84. Zu Dorix = Doris, der Tochter desOceanus und der Tethys, Gemahlin des Nereus und Mutter der Nereiden,vgl. die Beschreibung des Türflügelreliefs der Sonnenburg bei Ovid,Met. II 5ff. (s. oben S. 56). Doridis umor = thalassomeli (Meerwassermit Honig), Plinius, Nat. Hist. 31, 68: s.Georges Latein. Handwörter-buch s. v. Dores, C, b; thalassomeli.