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1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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71
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Nachleben des griechisch-römischen Altertums 71

Weltvollendung von Gott seit Urbeginn der Dingevorhergeplanter Akt. Schon vor dem Sündenfall lebte derdurch die Naturen-Einheiten in die Gottheit aufzunehmendeMensch bei Gott. Denn dieser Gottmensch, der Sohn Gottes,ist die 'Weisheit', die da redet:Der Herr hat mich gemachtim Anfange seiner Wege; ehe er etwas machte, war ich da"(Proverb. 8, 22; vgl. 8, 2330). Der Sohn Gottes wäreauch Mensch geworden, wenn die Sünde Adams undEvas, die den Tod in die Welt brachte und diemenschliche Unsterblichkeit aufhob, nicht einge-treten wäre. Christus ist das Ziel des göttlichen Weltplansund sein Kommen, von Gott seit Ewigkeit gewollt, ist die Sehn-sucht der Menschheit. Diese Inkarnationstheorie will Rupertauch durch seine Auslegung des Hohenliedes bekräftigen. Dennwie er in dem Eröffnungswort sagt, will er hier mit Hilfe derMutter Gottes aus dem Salomonischen Brautgesang ein Werkherausschälen 'über die Menschwerdung des Herrn 1 )'.

Das Thema seiner ganzen Deutung bezeichnet er selbst imEingang mit einem lateinischen Distichon:Das Weib empfingGott im Geiste, unverletzt an ihrem Leibe gebar sie ihn alsChristus, ohne Zutun eines Mannes". Das Anfangswort desHohenliedes: 'Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes'ist auch für ihn ein Ruf der Maria, dem der Kuß Gottvaters unddurch ihn die Eingießung des heiligen göttlichen Geistes alsErfüllung folgt.

Die mystische Erotik dieser Allegorese des Hohenliedesberührt sich auffallend mit der rabbinischen Spekulation, diean die Sage anknüpft, daß dem Moses (wie auch anderen HeiligenAbraham, Isaak, Jacob, Aaron, Mirjam) nicht der Todesengelunter Schmerzen, sondern Gottes Kuß die Seele aus dem Leibenahm und daß diese mystische Einigung des Schöpfers mit demGeschöpfe in der höchsten Liebe bezeichnet sei durch jenen An-fang des Hohenliedes Osculetur me osculo oris sui 2 ).

Auch Honorius Augustodunensis vertritt eine platoni-sierende kosmologische Christologie und Inkarnationslehre,

x ) Vgl. R. Rocholl, Rupert von Deutz, Beitrag zur Geschichteder Kirche im XII. Jahrh. Gütersloh, Bertelsmann, S. 227-236.142f.

2 ) Vgl. Zöckler, Das Hohelied, 1868, S. 17a; FerdinandWeber, System der altsynagogalen palästinischen Theologie, Leipzig1880, § 53 S. 241f.; § 73 S. 322f.